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Studien zu Großzügigkeit : Onkel Dagobert ist nicht überall

  • -Aktualisiert am

Comic-Museum in Schwarzenbach an der Saale: Was Geiz betrifft, scheint Onkel Dagobert kein typischer Vertreter der Oberschicht zu sein. Bild: dpa

Was ist dran am Klischee vom geizigen Millionär? Die empirische Sozialforschung weiß es.

          Sind Reiche schlechtere oder bessere Menschen als Arme? Natürlich darf niemand von den Sozialwissenschaften eine eindeutige Antwort auf eine Frage von solcher Allgemeinheit erwarten. Wer sie aber präzisiert und mit messbaren Variablen aufbereitet, bekommt die Antworten durchaus.

          Fragt man etwa nach dem Effekt von Schichtzugehörigkeit auf persönliche Eigenschaften wie Großzügigkeit, finden sich zahlreiche jüngere Studien, die von einem „Negativitätseffekt sozialer Besserstellung“ sprechen: Je höher ihre soziale Stellung, desto unsozialer zeigten sich die Studienteilnehmer. Erklärt wird das damit, dass Wohlhabende es sich buchstäblich leisten könnten, auf Solidarität zu verzichten.

          Wer dagegen selbst nur über geringe Mittel verfügt, brauche zum Überleben andere, er verhalte sich also sozialer in der Hoffnung auf Reziprozität. Ökonomisch gesprochen: Sozialkapital ersetzt finanzielles Kapital.

          Macht Unabhängigkeit also tatsächlich rücksichtslos? Das frühe Christentum etwa neigte dazu, Reichtum an sich als moralische Kategorie zu betrachten. Und obiger Befund mag auch heutigen Alltagserfahrungen entgegenkommen.

          An Daten herrscht kein Mangel

          Aber hält er einer Überprüfung stand, wenn man die Frage vom Kontext sozialpsychologischer Experimente löst und anhand großer Längsschnittuntersuchungen im internationalen Vergleich überprüft? Etwa das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, das Fragen wie diese an mittlerweile rund 23.000 Teilnehmer stellen kann. Oder das International Social Survey Program (ISSP), das seit seiner Gründung 1984 auf inzwischen rund 38.000 Befragte in 50 Ländern zugreifen kann. An Daten herrscht heute also kein Mangel mehr.

          Anhand ihrer untersucht eine aktuelle Studie der Psychologen Martin Korndörfer, Boris Egloff und Stefan Schmukle die Frage nach den sozialen Einstellungen zunächst bezüglich der Spendenbereitschaft deutscher Haushalte. Für diesen Ansatz spricht vor allem der methodische Vorteil der Zählbarkeit der Resultate und ihrer Korrelierbarkeit mit Größen wie Einkommen und Haushaltsgröße.

          Das SOEP befragte 2010 über 9000 der Haushalte, ob sie im Vorjahr etwas für einen sozialen, kulturellen oder religiösen Zweck gespendet hätten, was von über der Hälfte bejaht wurde.

          Obere Schichten liegen vorne

          Die Ergebnisse zeigen einen einfachen linearen Anstieg: Die Anzahl spendender Haushalte steigt mit deren Position auf der Sozialskala. Die reichsten Haushalte spenden zu rund 80 Prozent, die ärmsten immerhin noch zu rund 25 Prozent. Auch wenn man nach dem relativen Anteil der Spende am Gesamteinkommen fragt, liegen die oberen Schichten vorne, weil sie auch die höchsten Prozentsätze ihres Einkommens spendeten.

          So weit das deutsche Beispiel. Aber wie sieht es in Ländern mit größerer sozialer Ungleichheit und sehr viel schwächerer Sozialgesetzgebung aus, etwa in den Vereinigten Staaten? Auch hier das gleiche Bild - dem SOEP vergleichbare amerikanische Datensammlungen bestätigen die deutschen Befunde. Spendenbereitschaft ist auch dort eher ein Oberschichtphänomen.

          Ändert sich an diesem Ergebnis etwas, wenn man vom Geld absieht und soziale Verantwortung anhand nichtmonetärer Leistungen misst? Etwa in der Form einer ehrenamtlichen Tätigkeit?

          Gleiches Bild beim Engagement

          Auch hier kann das SOEP Auskunft geben. Zwischen 2005 und 2011 wurden seine Teilnehmer mehrmals nach ihrem freiwilligen sozialen Engagement gefragt. Die Ergebnisse sprechen wiederum eher für die Bessergestellten: Sowohl Anteil als auch Häufigkeit eines ehrenamtlichen Einsatzes für soziale Zwecke steigen mit der sozialen Position der Befragten.

          Außerdem gelang es den Autoren, auch diese deutschen Befunde mit amerikanischen Daten zu bestätigen. Und selbst die 31 Länder aus dem ISSP, in denen diese Frage 1998 gestellt wurde, replizierten diesen Befund, wenn auch je nach Land in etwas unterschiedlicher Deutlichkeit.

          Man muss den Autoren recht geben - der sozialpsychologische Konsens der „Unsozialität“ der Angehörigen höherer Schichten kann nach diesen Ergebnissen als widerlegt gelten. Zur Ehrenrettung der unteren Schichten ist aber eine wichtige Einschränkung angebracht: Vergleicht man nämlich nur die Spenderhaushalte und nicht die Gesamtheit aller Haushalte in diesen Erhebungen, zeigt sich kein linearer Anstieg des relativen Anteils der Spende am Einkommen, sondern ein durchhängendes U.

          Besonderer Altruismus der Unterschicht

          Soll heißen: Die Haushalte mit dem niedrigsten und die mit dem höchsten Einkommen spenden davon am meisten. Die Mittelschicht hingegen hängt durch, dort finden sich die relativ niedrigsten Spendenanteile an den jährlichen Haushaltsausgaben.

          Insgesamt mag der altruistische Verzicht auf Einkommen in den unteren Schichten ein selteneres Phänomen sein als in den oberen. Aber wer unten überhaupt spendet, der gibt mehr von dem, was er hat, als die oben. In Amerika spendeten die Haushalte mit den niedrigsten Einkommen relativ gesehen sogar am meisten. Und den Autoren ist auch darin recht zu geben, dass dieser besondere Altruismus der Unterschicht weitere Erforschung braucht.

          Martin Korndörfer, Boris Egloff, Stefan C. Schmukle: A Large Scale Test of the Effect of Social Class on Prosocial Behavior, SOEPpapers 808/2015.

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