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Ein Du in allen Dingen : Warum wir zuweilen unsere Autos anschreien

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Eine Frage der Handlungsfähigkeit: Wenn der Hund zubeißt, wird das Herrchen oder Frauchen zur Verantwortung gezogen – nicht das Tier. Bild: dpa

Beschwerden und Vorwürfe setzen die Handlungsfähigkeit ihres Adressaten voraus, und dieses Merkmal kommt, da sind wir uns sicher, nur Menschen zu. Wirklich?

          Maschinen, die nicht funktionieren, werden von ihren frustrierten Benutzern zuweilen angeherrscht; oder sie versuchen es mit gutem Zureden. Aber natürlich weiß jeder, dass der richtige Adressat für Vorwürfe und Überredungsversuche der Hersteller wäre. Und hat ein Hund uns gebissen, dann ziehen wir nicht das sprachlose Tier, sondern seinen Besitzer zur Verantwortung.

          Beschwerden und Vorwürfe setzen die Handlungsfähigkeit ihres Adressaten voraus, und dieses Merkmal kommt, da sind wir uns sicher, nur Menschen zu. Einen ersten Zweifel an der Selbstverständlichkeit dieser Auffassung weckt freilich schon die Tatsache, dass auch wir selbst ihr nicht konsequent folgen: Als Hersteller der Maschine gilt unseren Justizorganen nicht ein Mensch, sondern eine Organisation, und häufig muss sie für angerichtete Schäden auch dann haften, wenn es ihr nicht gelingt, den „eigentlich Schuldigen“ in ihren eigenen Reihen zu identifizieren.

          Nicht alle Menschen galten als handlungsfähig

          Weitere Zweifel kommen hinzu, sobald man sich fragt, wie archaische Gesellschaften über das Merkmal der Handlungsfähigkeit disponierten. Das machten sie nämlich in zwei Hinsichten ganz anders als wir. Einerseits galten nicht alle Menschen, sondern nur die Nahestehenden als handlungsfähig. So wie das Wort Religion im Munde mancher Fundamentalisten auch heute nur noch den je eigenen Glauben bezeichnet und nicht auch den Glauben der anderen, die vielmehr „ungläubig“ sein sollen, so waren in den frühen Sprachen auch die Begriffe für „Mensch“ oder „Gesprächspartner“ auf den engsten Umkreis begrenzt. Die Fremden und Fernstehenden dieser kleinen Gemeinschaften gehörten nicht dazu. Sie galten vielmehr, wie ein großer Zyniker es einmal zugespitzt formulierte, als unverständlich und essbar.

          Andererseits zog man nicht nur Menschen als Handelnde in Betracht. Vielmehr konnte man sich auch von Toten, von Tieren und sogar von Feldfrüchten vorstellen, dass sie zu Regungen der Hilfsbereitschaft, der Dankbarkeit oder der Rachsucht in der Lage seien. Dieser erstaunlichen Projektion von Handlungsfähigkeit in nichtmenschliche Wesen hat der bedeutende Soziologe Thomas Luckmann, der Dienstag vergangener Woche im Alter von 88 Jahren verstarb, einen seiner besten Aufsätze gewidmet.

          Luckmann nimmt an, dass das menschliche Bewusstsein zunächst einmal dazu tendiert, nicht weniger als alles, was ihm überhaupt begegnet, für handlungsfähig zu halten. Die Übertragung der eigenen Selbsterfahrung als handelndes Subjekt in die Gegenstände des täglichen Umgangs erfolgt also zunächst schrankenlos. Das funktioniert natürlich nur mehr oder weniger gut. Je weniger menschenähnlich der vermeintliche Akteur, desto schwieriger sei es, an seiner Handlungsfähigkeit festzuhalten.

          Berge zum Beispiel, die keinerlei Veränderung durchlaufen, welche man als Ausdruck ihres Innenlebens interpretieren könnte, scheiden schneller aus als Pflanzen, die immerhin „geknickt“ wirken können, und diese wiederum gehen eher aus dem Feld als die Tiere, in deren Körperbewegung und Mienenspiel wir alles Mögliche hineinlesen können, mögen die Verständigungsversuche mit ihnen auch unergiebig sein. Am Ende dieses Lernprozesses müssten dann eigentlich die Menschen übrig bleiben, die sich einer versachlichten und entzauberten Natur gegenübersehen.

          Gesellschaftsmitglieder entscheiden über Handlungsfähigkeit

          In Wahrheit kommt dieser Prozess nur mit erheblicher Verzögerung voran. Das liegt Luckmann zufolge daran, dass die Menschen das Prädikat der Handlungsfähigkeit nicht als Individuen vergeben, die dabei eigene Erfahrungen auswerten, sondern als Gesellschaftsmitglieder, und dass es für die Gesellschaft durchaus eine Funktion haben kann, auch gewagte Projektionen von Handlungsfähigkeit durchzuhalten: Wovon sie abhängig ist, ohne es technisch beherrschen zu könne, das wird so behandelt, als könnte man es durch Kommunikation dirigieren.

          Anders als frühe Ethnologen es unterstellt hatten, liegt es also nicht an der Beschränktheit des Bewusstseins von „Wilden“, ihrem Unvermögen zu logischem Denken, wenn sie an ihrer „soziomorphen“ Weltsicht festhalten. Vielmehr ist diese Weltsicht für jene Gesellschaften nicht weniger adäquat, als es die Naturwissenschaften für unsere Gesellschaft sind.

          Es gibt einen Punkt, der zu Luckmanns Konstruktion nicht ganz passt. Das letzte außermenschliche Wesen, dem man auch in unserer Gesellschaft noch Handlungsfähigkeit und kommunikative Erreichbarkeit zuschreiben kann, ohne psychiatrisches Interesse auf sich zu ziehen, ist Gott. Die Schöpfung ist ihm als Handlung wie als Selbstoffenbarung zurechenbar, und im Gebet können wir uns an ihn wenden. Gerade dieses Privileg verdankt er nach allem, was Theologen darüber sagen, gerade nicht seiner Menschenähnlichkeit. Dass er sich im Gegensatz zu Steinen, Pflanzen und Tieren aber schriftlich mitgeteilt hat (wenn auch über Umwege), dürfte immerhin dazu beigetragen haben, dass die Vorstellung eines ansprechbaren Gottes noch immer vielen plausibel erscheint.

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