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Soziale Systeme : Später Umstieg ist immer möglich

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Soziale Ungleichheit? Die Schule kann Schüler nicht in Spezialklassen für die Unterschiede in ihren Begabungen und Kompetenzen einsortieren. Bild: ZB

Den Schulen wird vorgeworfen, sie würden soziale Unterschiede festigen, statt sie zu verringern – zu Unrecht. Was kann die Institution leisten, um Ungerechtigkeit und Benachteiligungen zu vermeiden?

          Soziale Institutionen lassen sich danach unterscheiden, wie stark sie ihre temporären Mitglieder verändern wollen. Das Militär etwa hat sehr große Erwartungen an seine Fähigkeiten, aus Rekruten am Ende der Ausbildung einsatztaugliche Soldaten gemacht zu haben. Gefängnisse sollen ihre Insassen resozialisieren, Krankenhäuser ihre Patienten heilen, und Schulen sollen ihren Schülern Wissen und Fertigkeiten beibringen, über die sie vor der Schulzeit nicht verfügten.

          Die aufgezählten Institutionen können dabei sehr flexibel auf die faktischen Unterschiede ihrer Mitglieder reagieren: Das Militär verfügt über eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Spezialisierungen des Soldatenberufs, die jedem Bewerber gerecht werden können. Die Schule hingegen kann ihre Schüler nicht intern in Spezialklassen für die realen Unterschiede in ihren Begabungen, Leistungsniveaus und Kompetenzen einsortieren. Sie muss an der Illusion der Gleichheit der Kinder festhalten, auch wenn sie gleichzeitig durch das Prinzip der Notenvergabe gezwungen ist, deren tatsächliche Ungleichheit gnadenlos sichtbar zu machen.

          Der Vorwurf, diese Bildungsabstände zwischen den Schülern nicht zu verringern, richtet sich besonders häufig an das deutsche Schulsystem. Die Schulen wehren sich dagegen, indem sie auf ihre eigene Ohnmacht verweisen. Nicht die Schule sei stratifiziert, sondern die Gesellschaft, und darum sei der pädagogische Kampf gegen die Nachteile, die viele Kinder aus der Familie in die Schule trügen, von der Schule auch nicht zu gewinnen.

          Die Schulen, so deren Verteidiger, täten vielmehr alles, die Nachteile der Herkunft auszugleichen. Wenn schulische Aufstiege nicht oder nur selten gelängen, läge das nicht an den Schulen. Denn diese böten auch im angeblich sozial so rigiden deutschen Schulsystem über ausreichend Wege und Mittel, solche Aufstiege zu ermöglichen. Sie würden nur zu wenig in Anspruch genommen.

          Das deutsche Bildungssystem sei offener und durchlässiger geworden

          Eine neue Studie von Bildungsforscherinnen der Universität Göttingen stützt jetzt diese Verteidigung der deutschen Schulen. Sie räumt mit einigen hartnäckigen Vorwürfen auf, welche die deutsche Bildungsdebatte seit langem prägen. Das gilt insbesondere für die These der im internationalen Vergleich angeblich zu frühen Stratifizierung des dreigliedrigen deutschen Schulsystems. Demnach entscheide sich der gesamte Bildungsweg bereits nach der Grundschule, weil die anschließend besuchte Schulart (Hauptschule, Realschule oder Gymnasium) praktisch nicht mehr gewechselt werden könnte.

          Die entsprechenden Studien seien jedoch veraltet, so Karin Kurz und Eileen Böhner-Taute. Wer wie ihre Untersuchung mit neuen Zahlen etwa des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) arbeite, komme zu anderen Ergebnissen. Das deutsche Bildungssystem sei durch den Ausbau der Aufbauschulen, die erst mit der Sekundarstufe II begönnen (also nach der 10. Klasse) und dann die Hochschulreife ermöglichten, offener und durchlässiger geworden: Während Fachoberschulen und Fachgymnasien in den 70er Jahren von weniger als 3 Prozent der Schüler in der Sekundarstufe II besucht wurden, sind es heute rund 15 Prozent.

          Die Untersuchung der Geburtsjahrgänge 1983 bis 1993 des SOEP bestätigt diese Zunahme des späteren Einbiegens in den Weg zum Abitur: In der Sekundarstufe I liegt der Anteil der Schüler auf Gymnasien deutschlandweit hier bei 40 Prozent, in der Sekundarstufe II hingegen bereits bei fast 45 Prozent. Diese Ergebnisse erlaubten bereits den Schluss, dass die sozialen Bildungsungleichheiten im Schulverlauf mitnichten verfestigt werden, sondern sogar leicht abnehmen.

          Einfluss der Bildungsherkunft nehme ab

          Die entscheidende Frage an diesen Befund ist aber, ob davon besonders die beim ersten schulischen Übergang üblicherweise benachteiligten Schüler besonders profitieren, also Kinder aus bildungsfernen Schichten und solche mit Migrationshintergrund. Setzen sich deren vielfach belegten schlechteren Schulchancen auch bei den Möglichkeiten des späteren Aufstiegs fort, oder gelingt es ihnen umgekehrt vielleicht sogar, diese Chancen zum Abitur überproportional wahrzunehmen?

          Die Göttinger Soziologinnen verweisen hier zwar auf gewisse statistische Einschränkungen hinsichtlich der Gültigkeit ihrer Ergebnisse, dennoch lasse sich festhalten, dass der Einfluss der Bildungsherkunft im Schulverlauf abnehme. Vergleiche man die Chancen zwischen den beiden Sekundarstufen, so zeige sich, dass gerade die Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgeholt hätten. Sie profitierten stärker als die einheimischen Jugendlichen von den späteren Korrekturmöglichkeiten ihrer Bildungsambitionen.

          Allerdings nur dann – und hier liegt eben das eigentliche Problem dieser Familien –, wenn sie über einen ähnlichen Bildungshintergrund wie die einheimischen Mitschüler verfügten. Dann sind ihre Aufstiegschancen sogar noch größer, weil sie im Allgemeinen sogar über einen stärkeren Aufstiegswillen verfügten. Oft wollen sie, doch seltener können sie, weil es in ihrer Familie an der Bildung fehlt. Den Schulen aber ist eine niedrige Bildungsherkunft ihrer Schüler nun wirklich nicht vorzuwerfen.

          Karin Kurz, Eileen Böhner-Taute: „Wer profitiert von den Korrekturmöglichkeiten in der Sekundarstufe?“, Zeitschrift für Soziologie 2016; 45(6).

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