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Soziale Systeme : Wir wollten das eben so

  • -Aktualisiert am

Für viele ist der Gang zum Sozialamt der letzte Ausweg. Bild: dpa

Bildung schützt vor Fatalismus. Oder übt sie einen nur darin, sich die eigene Selbstbestimmtheit vorzugaukeln?

          Es hat doch alles keinen Sinn. Wahlen ändern doch sowieso nichts. Unsere Politik ist alternativlos. Die Dinge sind halt so. Das war schon immer so. Aus Hartz IV kommst du eh nicht mehr raus. Wozu sich überhaupt anstrengen? Bringt doch nichts.

          Solche fatalistischen Denkmuster passen eigentlich nicht zur modernen Gesellschaft. Setzt diese doch auf die grundsätzliche Verfügbarkeit des menschlichen Lebens, also auf die Gestaltbarkeit der eigenen Biographie, genauso wie auf die Machbarkeit der Gesellschaft. Nichts widerspricht einem solchen pragmatischen Optimismus mehr als etwa religiös begründete Überzeugungen der Machtlosigkeit gegenüber dem eigenen Schicksal, weil dieses von Gott vorherbestimmt sei. Oder weil alles Vorhandene (Natur, Schöpfung, menschliche Ordnungen) schon immer da war und deshalb als heilig und sakrosankt zu gelten habe. Damit scheint das moderne Denken endgültig und restlos aufgeräumt zu haben. Wenn dem so wäre, warum finden sich dann in den Lebensbeschreibungen so vieler Mitglieder moderner Gesellschaften genau diese Muster von Vergeblichkeit, Machtlosigkeit und Hinnahme des ohnehin nicht Veränderlichen?

          Natürlich würde auch ein überzeugter Wirtschaftsliberaler nicht leugnen, dass es solche Einstellungen gibt. Aber sie werden dann eben als Symptome unvollständiger Durchsetzungen marktwirtschaftlicher Prinzipien und Erfolge begriffen. Oder sie werden in ihrer politischen Gestalt als Phantasiemangel, Programmverzicht oder schlicht Führungsschwäche des politischen Personals kritisiert. Oder – das wäre die ideologiekritische Variante – als Manipulationsstrategie entlarvt, die auf eine sedierende Entpolitisierung der Wählerschaft zielt. Und schließlich – in der kapitalismuskritischen Position – kann man in besagten Einstellungen auch ein Phänomen von Unterschichtsfatalismus sehen. Also eine Lebenshaltung, die durchaus zu den Lebenserfahrungen dieser Schicht passt, weil Erfahrungen von Prekariat, Mangel und Unplanbarkeit nicht nur der Erwerbsbiographie durchaus auf realen wirtschaftlichen Bedingungen von Leiharbeit, Niedriglohnsektor und Erwerbslosigkeit aufbauen.

          Spitzfindige Argumente

          Empirisch gesehen, scheinen die westlichen Gesellschaften heute mehr und mehr in zwei Lager zu zerfallen: die Mehrheit der gebildeten Gestaltungsoptimisten, Selbstverwirklicher und Mobilitätsgewinnler und die Minderheit der passiven Pessimisten, Fremdgesteuerten und Modernisierungsverlierer. Was aus dieser Sicht da zwar (noch) funktioniert, ist der Transfer von Zahlungen vom produktiveren und leistungsfähigeren Lager in jenes der Leistungsempfänger, nicht aber der von Einstellungen, Werten und Orientierungen. Haben sich Aktivismus und Fatalismus gegeneinander immunisiert?

          Wenn man den Fatalismus soziologisch nur als das Problem von Teilen der Unterschicht begreift, wird man den Versuch von Andreas Pettenkofer, Fatalismus generell als eine „vernachlässigte Stütze sozialer Ordnung“ zu begreifen, als eine selbst ideologieverdächtige Verallgemeinerung ohne empirische Basis zurückweisen. Pettenkofer spricht allerdings auch vom Fatalismus der Bessergestellten. Seine Argumentation mag da etwas spitzfindig erscheinen, zur Erklärung der Überlegenheit jener Mehrheit ist sie sehr nützlich: Ein Gutteil jeder akademischen Ausbildung ziele darauf, das Produzieren von Gründen einzuüben. Auch in den typischen Mittelschichts-Berufsrollen werde Konformität und Zustimmung verlangt. Der höhere Angestellte jedoch bringe das tägliche Kunststück der Affirmation durch Selbstüberzeugung fertig: Ich mache das nicht einfach mit, weil mir gar nichts anderes übrigbleibt, sondern weil ich gute und nachvollziehbare Gründe dafür habe. Diese narrative Kompetenz, so Pettenkofer, sich meine Welt als von mir gemacht zu verstehen und damit als so gewollt zu beschreiben, bedeute aber die Selbstbeschränkung auf den nachträglichen Anspruch von Autorschaft der eigenen Biographie.

          In Pettenkofers Entlarvung dieser Selbsttäuschung der Besserverdienenden schwingt ein wenig therapeutische Besserwisserei mit. Du glaubst zufrieden zu sein, aber du funktionierst nur, weil du dich beim Gewinnen eben besser beschwindeln kannst als die Verlierer. Als ob sich die Modernisierungsgewinner eben nur solche Jobs suchen würden, wo ihnen diese Form der Selbstsuggestion besonders leichtfällt. Geht es bei diesen Jobs wirklich nur um die Selbstimmunisierung gegenüber Sinnfragen? Weil das, was ich so gewollt habe, ja nicht falsch sein kann? Damit unterschätzt Pettenkofer die tatsächliche Freiheit in den heutigen Dienstleistungsberufen, aber ebenfalls bei Ingenieuren, Wissenschaftlern oder Medienschaffenden. Man könnte entgegnen, dass akademische Ausbildungen Kompetenzen einer generellen Problemlösungskompetenz vermitteln (sollen), die ihren Inhabern eben eine viel größere tatsächliche Flexibilität verleihen in der Wahl ihres Arbeitsplatzes als jenen, die im Niedriglohnsektor gegen den Abstieg in die dauerhafte Erwerbslosigkeit kämpfen.

          Andreas Pettenkofer: „Fatalismus. Über eine vernachlässigte Stütze sozialer Ordnung“, in: Berliner Journal für Soziologie 27 (2017).

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