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Soziale Systeme : Dazu die Vorschusslorbeeren

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Leistungssteigernd: Anerkennung kann Schüler über sich hinauswachsen lassen – die Klasse und der Lehrer reichen als Publikum vollkommen aus. Bild: Maria Klenner

Jemanden auszuzeichnen, bevor er etwas geleistet hat, ist zwar nicht gerecht, aber zuweilen sinnvoll: Experimente zeigen, dass auch symbolische Anerkennungen ein echter Anreiz sein können.

          Wenn einer gelobt wird oder in eine anspruchsvolle Position aufrückt, wenn man ihm einen honorigen Preis zuerkennt oder ihn in sonst einer Weise vor seinen Mitmenschen hervorhebt, dann beruft man sich zur Begründung dafür auf die schon sichtbaren Leistungen: Der Betreffende habe sich mehr als andere um das Gemeinwesen verdient gemacht, hohe wissenschaftliche Originalität bewiesen oder einer guten Reformidee auch gegen starke Widerstände zum Durchbruch verholfen. Andererseits kann man natürlich auch loben und preisen, um eben dadurch zu solchen Großtaten anzuspornen. Der Glaube an die motivierende Kraft der öffentlichen Auszeichnung ist weit verbreitet.

          Aber er ist schwer zu überprüfen, weil auch diese zweite Kategorie der sozialen Anerkennung nicht einfach jedem gezollt wird, der gerade daherkommt, sondern nur dem, der in irgendeiner Weise positiv auffiel. Unter diesen Umständen kann man aber auch im späteren Rückblick auf die günstige Entwicklung des Gelobten nie wissen, ob er sie – so hoch motiviert, wie er auch vorher schon war – nicht am Ende auch ohne diese aufmunternde Behandlung durchlaufen hätte. Um die kausale Relevanz eines Lobes oder eines Preises feststellen zu können, muss man diese beiden vermuteten Ursachen isolieren können. Methodisch bedeutet dies, dass man zu den lautersten Forschungszwecken eine soziale Situation herstellen muss, die völlig ungerecht ist: Von all den vielen, die nicht ausgezeichnet wurden, dürfen sich die Ausgezeichneten nur durch Auszeichnung selbst unterscheiden.

          Zuwendung führt zu besseren Ergebnissen

          Experimente, die solchen Anforderungen genügen, wurden mehrmals unternommen. In dem Klassiker dieser Forschungsrichtung, einer Untersuchung aus dem Jahre 1965, sind die Psychologen Robert Rosenthal und Lenore F. Jacobson wie folgt vorgegangen: Sie händigten amerikanischen Grundschullehrern eine Liste aus, auf der einige Namen ihrer Schüler besonders markiert waren, und zwar mit der Erklärung, psychologische Test hätten ergeben, dass gerade diese Schüler demnächst eine besonders vorteilhafte kognitive Entwicklung durchlaufen würden.

          Für einen Lehrer, der sein Handwerk versteht, hat diese Information einen hohen pragmatischen Wert. Sie bedeutet, dass er an diesen Schülern, da sie seinen pädagogischen Zielen besonders entgegenkommen, besonders große Erfolge erzielen kann. Also konzentrierte er seine Aufmerksamkeit, seine Zuwendung und seine Ermunterung auf diese, wie er dachte, besonders vielversprechende Gruppe. Wie das zu einem späteren Zeitpunkt gemessene Ergebnis zeigte, waren die derart Geförderten dann auch in der Tat rascher vorangekommen als die anderen aus der Schulklasse. Sogar ihr gemessener Intelligenzquotient war merklich angestiegen.

          Die Schulklasse als Publikum

          Was die Lehrer nicht wissen konnten, da die Experimentleiter es ihnen wohlweislich vorenthalten hatten, war der Umstand, dass die Markierung der Namen nach dem Zufallsprinzip erfolgt war. Die besonders markierten Schüler besaßen also nicht einen jener Entwicklungsvorteile, die man ihnen nachgesagt hatte. Dass sie dann gleichwohl mehr lernten als die anderen, darf also als Beleg dafür gelten, dass Lob und öffentliche Aufmerksamkeit ihren Empfänger erziehen. Sie können ihn, wie man so sagt, über sich hinauswachsen lassen, und offenbar gilt dies auch dann, wenn das Publikum solcher Anerkennungserfolge nur aus einer Schulklasse und ihrem Lehrer besteht.

          Offenbar ohne dies ältere Experiment zu kennen, hat nun Jana Gallus, eine deutsche Ökonomin, die derzeit in Los Angeles lehrt, etwas ganz Ähnliches versucht. In Absprache mit den Verantwortlichen des Schweizer Wikipedia-Portals wurde einer zufällig ausgewählten Gruppe von Autoren das „Edelweiß mit Stern“ verliehen, und zwar als Auszeichnung für ihre ersten selbstverfassten Beiträge zum Internetlexikon, mit der sie ihre Profilseite schmücken durften. Wie sich herausstellte, waren die Ausgezeichneten nicht nur in den Monaten danach, sondern auch noch ein volles Jahr danach merklich schreibfreudiger als die Autoren aus der Kontrollgruppe.

          Ökonomen sehen darin den Beweis, dass auch symbolische Auszeichnungen ein echter Anreiz sind, der es an Motivationskraft mit kostspieligen Boni und Leistungszulagen aufnimmt. Soziologen könnten denselben Befund aber auch noch ganz anders lesen. Er zeigt nämlich, dass in das Verfahren der Personalauslese ein Korrekturmechanismus eingebaut ist. Es kann sein, dass mit einer gewissen Regelmäßigkeit der Falsche gefördert oder befördert wird, etwa weil Schichtvorurteile zu seinen Gunsten mitspielen, aber die öffentliche Auszeichnung sorgt als solche dafür, dass er sich in vielen Fällen zum Richtigen mausert. Die soziale Hierarchie ist also von deutlichen Unterschieden der Leistungsfähigkeit nicht nur abhängig, sie produziert sie notfalls auch selbst.

          Robert Rosenthal, Lenore Jacobson, „Pygmalion im Unterricht. Lehrererwartungen und Intelligenzentwicklung der Schüler“, Berlin 1983; Jana Gallus, Fostering, „Public good contributions with symbolic awards“, als Download zugänglich unter: http://www.janagallus.com/research/.

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