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Soziale Systeme : Versende dich!

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Soziale Medien gewinnen an Bedeutung. Bild: dpa

Das Internet erlaubt es auch dem kleinen Mann, sich öffentlich zu artikulieren, so hoffte manch ein Kritiker elitärer Verhältnisse. Natürlich wurde daraus nichts.

          Soziale und fachliche Statusdifferenzen haben ihre Bedeutung für die im Alltag praktizierte „Erkenntnistheorie“. Wer sich auf die Mitteilung eines ranghohen und kompetenten Sprechers verlässt, kann dies ohne jeden Begründungsaufwand und mit überschaubarem Risiko tun. Sollte die Information sich später als unzutreffend herausstellen, dann hätte er vielleicht den Schaden zu tragen, nicht aber den Spott. Vertraut man dagegen einer Quelle ohne besondere Reputation, muss man gegebenenfalls begründen, warum man dazu bereit ist. Und sollte dieses persönliche Vertrauen schließlich enttäuscht werden, dann würden andere dies der Leichtfertigkeit des Vertrauenden selbst zurechnen. So erzieht bereits die Aussicht auf Blamagen dazu, sich an die jeweils zuständige Adresse zu halten

          Auch unter den Quellen der Journalisten gibt es eine solche „Hierarchie der Glaubwürdigkeit“, wie der amerikanische Soziologe Howard S. Becker es genannt hat. In dieser kognitiven Hackordnung rangieren die Spezialisten vor den Laien und die Sprecher großer Organisationen vor denen, die nur für sich selbst sprechen können – und ebendeshalb als befangen gelten. Entsprechend wird die Tagespolitik im Zweifelsfalle durch Politiker erläutert und nicht durch einfache Bürger, zählt in Gesundheitsfragen das Wort des Arztes mehr als das des Kranken und glaubt man den Hinweis auf soziale Missstände erst dann, wenn nicht nur Betroffene sie beklagen, sondern auch die Repräsentanten derjenigen Organisationen und Protestbewegungen, die im Namen dieser Betroffenen agieren.

          Kritische Beobachter halten dieser Rangordnung vor, dass sie die Eliten auf Kosten des kleinen Mannes bevorzuge. Entsprechend groß waren bei manchen Beobachtern die Hoffnungen, die man auf den großen, da redaktionell ungehinderten Auftritt dieses kleinen Mannes in den sozialen Medien gesetzt hatte. Das Problem ist nur, dass nicht nur der Journalismus, sondern auch die Gesamtgesellschaft eine Hierarchie der Glaubwürdigkeit praktiziert, und in dieser Rangordnung nehmen die Journalisten der großen Tages- und Wochenzeitungen ihrerseits einen prominenten und in mancher Hinsicht sogar einen konkurrenzlosen Platz ein. Im Vergleich dazu gelten die sozialen Medien vielfach als Spielwiese für unverantwortliche und dementsprechend enthemmte Kommunikation, der zu vertrauen leichtfertig wäre. Schon der hohe Anteil, den die unbeherrschte Klasse der Dauerempörten an diesen Plattformen hat, schließt es aus, dass die Plattform als solche in den guten Ruf einer ernstzunehmenden Quelle gelangt.

          Die Rolle der Zeitungen

          Die besten Informationen in den sozialen Medien nützen daher wenig, wenn sie dort verharren und nicht auch von der Berichterstattung der großen Tages- und Wochenzeitungen oder überregionaler Radio- und Fernsehsender aufgegriffen und dadurch verstärkt werden. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass es zu einer solchen Verstärkung kommt? Diesem Thema sind unlängst zwei Kommunikationswissenschaftler nachgegangen, und zwar anhand der Frage, wie oft und zu welchen Zwecken professionelle Journalisten bereit sind, Beiträge aus den sozialen Medien in der Funktion einer Quelle zu verwenden. Wie soziologisch nicht anders zu erwarten, ist das Ergebnis, gemessen an jenen Hoffnungen, nicht gerade berauschend.

          In den elektronischen Archiven zweier angesehener flämischer Tageszeitungen fanden die Forscher in den sieben Jahren ihres Untersuchungszeitraums von 2007 bis 2013 knapp vierzehntausend Artikel, in denen mindestens eine der drei Internetplattformen Facebook, Twitter und Youtube erwähnt wurde. Im Tagesdurchschnitt waren das selbst im letzten, besonders ergiebigen Untersuchungsjahr nicht mehr als fünf solcher Artikel pro Ausgabe. Und selbst dieser vergleichsweise geringe Anteil war noch um ein Drittel zu hoch bemessen, denn wie die inhaltliche Analyse einer Stichprobe ergab, umfasste er mit der bloßen Berichterstattung über einen jener drei Technologiekonzerne auch solche Texte, die kein besonderes Vertrauen in die Inhalte der entsprechenden Internetseiten verrieten.

          Der Moralunternehmer

          An den wenigen Artikeln, in denen Internetbeiträge als Quelle fungieren, fiel wiederum auf, dass die Journalisten sie in fast neunzig Prozent aller Fälle um andersartige Quellen ergänzt hatten. Es gibt also nicht viele Beispiele eines reinen Vertrauens in soziale Medien. Außerdem geht die gesamte Vertrauensbereitschaft in dem Maße zurück, in dem die möglichen Folgen einer etwaigen Falschmeldung anschwellen: Auf der Grundlage von bloßem Gezwitscher wird man vielleicht über die Seitensprünge der Prominenz, nicht aber über bevorstehende Angriffskriege berichten wollen.

          Einer der interessantesten Befunde der Auswertung gilt der Auswahl der zitierten Beiträger: Entweder waren es namentlich genannte Leute, die ihre eigene Meinung bereits als erfolgreiche Initiatoren einer Petition aufgewertet hatten, oder sie werden einfach nur als anonyme Unterstützer eines breiten Konsenses zitiert. Um bemerkt zu werden, muss der kleine Mann also zum Moralunternehmer werden oder sich unauffällig verhalten.

          Quelle

          S. Paulussen, R. A. Harder: Social Media References in Newspapers, in: B. Franklin (Hrsg.), The Future of Journalism, London, 2016, S.306-316.

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