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Soziale Systeme : Thermodynamik des Terrors

Den Terror mit Algorithmen bekämpfen - geht das? Bild: dpa

Die Anhängerschaft des IS treibt auch im Internet ihr Unwesen. Lässt sich das zur Terrorprävention nutzen?

          Dass diese Studie ausgerechnet in der Woche nach dem Massaker von Orlando erschien, ist wohl Zufall. So kurzfristig kann auch das einflussreiche Wissenschaftsmagazin „Science“ kaum umplanen. Dort hatte ein Team um den Physiker Neil Johnson von der University of Miami Untersuchungen an mehr als hunderttausend IS-freundlichen Nutzern des in Russland ansässigen sozialen Netzwerkes „VKontakte“ veröffentlicht. Die entsprechende Schlagzeile ließ nicht auf sich warten „IS mit Algorithmen bekämpfen: Physiker versuchen Attacken vorherzusagen“ titelte die „New York Times“ gleich am Freitag.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun ist es weder neu noch unerhört, genuin sozialen Phänomenen mit Computern, mathematischen Gleichungen und Konzepten aus der statistischen Physik zu Leibe zu rücken. Und das nicht erst seit Google und Facebook. Volkswirtschaftler und Finanzexperten tun das seit Jahrzehnten. Die Frage ist allerdings, mit welchem Input man die Formeln füttern kann. Im Finanzsektor sind das Preise und Kurse nebst ihren historischen Entwicklungen. Aus welchen Daten aber ließen sich Aussagen über zukünftige terroristische Gefährdungslagen gewinnen? In der Vergangenheit versuchte man es zum Beispiel mit „Online Buzz“, also dem Erregungspegel im Netz, gemessen etwa an der Frequenz bestimmter Schlagwörter in Internetforen und sozialen Netzwerken. Wirklich zuverlässige Warnungen vor Terrorattacken sind damit aber nicht möglich. Oft haben nur Eskalationen politischer Proteste ein merkliches Vorspiel im Gechatter und Getwitter, und dann auch weniger als zwei Tage im Voraus.

          Verräterische Dynamik

          Johnson und Kollegen haben nun auf VKontakte – mit über 350 Millionen Nutzern ist es das größte in Europa ansässige soziale Netzwerk – nicht nach individuellen Äußerungen gefahndet, sondern nach einschlägigen sogenannten Aggregaten: Interessengruppen, in denen Sympathie oder sogar Unterstützung für die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) bekundet wird. Solche Aggregate bilden sich, wo surfende IS-Anhänger zusammenfinden, sie können dann wachsen und zu größeren Aggregaten verschmelzen. Im Unterschied zu den harmloseren Themengruppen aus VKontakte verschwinden IS-Aggregate aber auch relativ bald wieder. Denn wie die Lebewesen in einem Ökosystem stehen sie unter dem stetigen Druck von Räubern – in Gestalt von Moderatoren oder Aufsichtsbehörden, die auf das Treiben eines Aggregats aufmerksam geworden sind und es abschalten, woraufhin die Nutzer dann neue Aggregate bilden, um Hassbotschaften, Enthauptungsvideos und Survival-Tipps bei Drohnenangriffen auszutauschen.

          Die Forscher aus Miami konnten nun diese Dynamik der Aggregate mathematisch modellieren und einige Aussagen daraus ableiten.

          Eine Chance, damit Terrorakte vorherzusagen, besteht vielleicht, obwohl die Autoren dies nicht in den Vordergrund stellen. „Im Prinzip wäre das möglich“, sagt Stefan Wuchty, Koautor der Studie, „man erhält längere Vorwarnzeiten, als wenn man nur Chatter auswertet.“ Zumindest im Fall der IS-Großoffensive auf die nordirakische Stadt Kobane am 18. September 2014 begann drei Tage zuvor ein Parameter rapide anzusteigen, der mit der Frequenz neu aufpoppender IS-freundlicher Aggregate zusammenhängt. Mathematisch ähnelt dieser Anstieg dem, was man in der physikalischen Disziplin der Thermodynamik einen Phasenübergang nennt. Zu so etwas kommt es beispielsweise in einem Magneten, der oberhalb einer kritischen Temperatur plötzlich seinen Magnetismus verliert. Bleibt zu klären, ob Gewaltakten wirklich mit einer für die Praxis ausreichend hohen Wahrscheinlichkeit ein solcher „Phasenübergang“ vorangeht. Und auch dann machte sich dabei nur bemerkbar, dass etwas passieren wird – nicht was und wo. Aber Sicherheitsbehörden wäre damit vielleicht ja trotzdem geholfen, würde es ihnen doch zum Beispiel erlauben, rechtzeitig Urlaubssperren für ihre Einsatzkräfte an gefährdeten Punkten zu verhängen.

          Im Keim ersticken

          Interessanter – und brisanter – ist eine andere Erkenntnis des Johnson-Teams: Sie legt der Online-Terrorbekämpfung ein entschiedenes „Wehret den Anfängen“ nahe. Zwar sind große Pro-IS-Aggregate besonders gefährlich, etwa weil einzelne Teilnehmer sich darin eher als Teil einer starken Gruppe fühlen und zu Einzeltaten wie in San Bernardino oder jetzt in Orlando anstacheln lassen können. Doch das Modell aus Miami zeigt, dass man große Aggregate am effektivsten dadurch verhindert, dass man schon die ganz kleinen bekämpft, will heißen: im Netz systematisch nach ihnen fahndet und sie abschaltet. Ist die Abschaltrate kleiner als ein bestimmter Schwellenwert, dann ist die Entstehung von exponentiell wachsenden Super-Aggregaten nicht mehr zu verhindern.

          Wenn das tatsächlich ein strukturelles Merkmal von Online-Aggregaten mit radikalem Publikum ist, dann verschärft dies einen sowieso schon ärgerlichen Wertekonflikt. Denn dann muss die Gesellschaft, um sich besser vor Terrorattacken zu schützen, bereits auf einer möglichst niedrigen Ebene zu Gesinnungsschnüffelei und Zensur greifen und damit ein Teil gerade jener Freiheit beschneiden, die sie eigentlich schützen möchte.

          Literatur:

          Neil F. Johnson et al., "New online ecology of adversarial aggregates: ISIS and beyond", Science 352, 1459 17, June 2016.

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