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Soziale Systeme : Hier lügt ja nur ein Körper

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Wie war das mit dem Eispickel? Sharon Stone als Catherine Tramell hat in Paul Verhoevens Erotikthriller „Basic Instinct“ aus dem Jahr 1992 auch am Lügendetektor alles unter Kontrolle. Bild: Picture-Alliance

Die rechtliche Folge einer computertechnisch inspirierten Sicht auf das Leib-Seele-Problem

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          Über das antike Volk der Skythen bemerkte der griechische Historiker Herodot staunend, sie erzögen ihre Kinder in nur drei Disziplinen: Reiten, Bogenschießen und die Wahrheit zu sagen. Ob jemand die beiden ersten Fähigkeiten erlernt hat, lässt sich recht leicht feststellen. Ob er aber die Wahrheit sagt, ist selbst in darauf spezialisierten Berufen nur schwer zu entscheiden. Die juristische Praxis sollte darum ein großes Interesse an Zugängen zur Wahrheitsfindung haben, die auf nichtsprachliche Evidenzen zur Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zurückgreifen können. Mit dem umgangssprachlich als Lügendetektor bezeichneten Apparat stünde ein solches Instrument zur Verfügung. Aber wird es außer in amerikanischen Justiz-Thrillern überhaupt eingesetzt?

          Einer aktuellen Studie dreier Soziologen der Universität Aachen zufolge erlebt der Polygraph – so der Fachausdruck für den Lügendetektor – in der deutschen Rechtsprechung sogar eine „Konjunktur“. Und das, obwohl das Verfahren in der Praxis wissenschaftlich umstritten sei und in der höchstrichterlichen Rechtsprechung kritisch gesehen werde. Man muss diese These allerdings selbst kritisch sehen, da die Autoren über keine Zahlen verfügen, die eine tatsächliche Konjunktur im Einsatz des Gerätes bewiesen. Da es in Deutschland keine zentrale Rechtsprechungsdatenbank gibt und die Gutachten oftmals nicht in die Urteilsbegründung eingehen, können Fischer, Paul und Voigt nach ihren Recherchen nur auf 39 Urteile zurückgreifen, bei denen seit 1954 ein Polygraph eingesetzt wurde. Aus Interviews mit juristischen Experten ziehen die Autoren dennoch den Schluss, dass die veröffentlichte Rechtsprechung vermutlich nur einen Bruchteil der Gerichtsverfahren darstelle, in denen über die Berücksichtigung einer polygraphischen Untersuchung entschieden wurde. Der Polygraph dürfte also tatsächlich keine unbedeutende Rolle bei der Wahrheitsfindung in deutschen Gerichten spielen. Wie aber kommt es, so die Studie, dass ein Testverfahren, das aus juristischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht wenig Ansehen genieße, trotz aller Kritik zunehmend eingesetzt werde, und dies in einem so zentralen gesellschaftlichen Funktionsbereich wie dem Rechtssystem?

          Lügendetektoren verletzten einst Menschenrecht

          Es liegt nicht an der Technik, sondern am Menschenbild der Gesellschaft. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte den Polygraph 1954 eigentlich für verfassungswidrig erklärt, weil sein Einsatz die Willensfreiheit des Menschen verletze. 1998 wurden diese verfassungsrechtlichen Bedenken vom BGH allerdings wieder aufgehoben, ohne dass sich an dem umstrittenen Verfahren technisch etwas verändert hatte. Geändert habe sich vielmehr die Vorstellung von dem, was der Polygraph eigentlich messe, so die Autoren. 1954 hatten die Richter ihr Verbot nämlich damit begründet, dass diese Messung einen technischen Eingriff in den Körper bedeute, der den vom Recht zu schützenden menschlichen „Seelenraum“ verletze.

          Die Art und Weise, wie auf den Körper in der Rechtsprechung Bezug genommen wird, habe sich seit den achtziger Jahren aber ganz entscheidend verändert: Wo vorher die Seele war, finden sich in den ausgewerteten Urteilen jetzt messbare Körperdaten, die dem Polygraphen ein „Biofeedback“ gäben. Im Zuge dieser Entwicklung sei der Zugriff des Polygraphen auf die Seele schließlich als unproblematisch angesehen worden, denn das Gerät messe zwar willentlich nicht unmittelbar beeinflusste körperliche Vorgänge, es ermögliche dem Untersuchenden aber keinen „Einblick in die Seele“, so der BGH.

          Maschinen dürfen auch ausgelesen werden

          Diese grundsätzliche Legitimierung der Körpermessung verweise auf einen tiefen Wandel im gesellschaftlichen Verständnis von Seele, Geist und Bewusstsein des Menschen, schreiben die Autoren. Im Entscheidungsprozess zur Zulassung des Polygraphen vor Gericht zeige sich, dass Geist und Bewusstsein heute „mehr und mehr als Leistungen eines informationsverarbeitenden Systems angesehen“ würden. Die Legitimierung des polygraphischen Verfahrens mache sich demnach nicht an der Technik selbst fest. Diese hat sich seit 1954 nicht viel geändert, außer dass heute natürlich digital aufgezeichnet würde.

          Der Körper, der 1954 noch als „Hülle der Seele“ gegolten habe, wandelte sich zum „Antagonisten des Gehirns“. Damit konnte ein technisierter Zugriff auf das Innere des Menschen ab den achtziger Jahren nicht mehr als verbotener Eingriff in einen sakralen Raum gesehen werden, sondern als Abruf von kognitiv gespeicherter Information. Mit der Zurücknahme der verfassungsrechtlichen Einwände, die das Subjekt einst vor seinem maschinellen Auslesen schützte, habe der Polygraph zunehmend seinen bedrohlichen Charakter verloren, so die Autoren. Seine Integration in ein psychologisches Begutachtungsverfahren der von ihm gewonnenen Daten habe die ihm zugeschriebene und gefürchtete Handlungsträgerschaft entscheidend abgeschwächt, womit auch die Vorstellung einer in der Apparatur „materialisierten Macht über das Subjekt“ weitgehend ausgeräumt worden sein. Ist die Wahrheit also nicht nur sagbar, sondern auch messbar geworden?

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