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Soziale Systeme : Kirchen, hört: Gretchen gefragt

  • -Aktualisiert am

Bild: Jens Gyarmaty

Wie hältst du es mit Leuten anderer Religion? Eine neue Erhebung liefert Widersprüchliches.

          3 Min.

          Verschwindet der Gegenstand der Religionssoziologie? Dafür ist es wohl noch zu früh. Sicher, gerade aktuell haben die Austritte aus den Kirchen wieder ein neues Rekordhoch erreicht. Doch das bedeutet nicht, dass Religionszugehörigkeit oder Religiosität als solche gänzlich an sozialer Relevanz verliert. Man könnte sogar sagen: Im Gegenteil. Die abnehmende Bindungskraft der Kirchen bedeutet eher die Zunahme an religiöser Diversität innerhalb der Gesellschaft, die sich jetzt mehr und mehr aus noch religiösen und schon nichtreligiösen Menschen zusammensetzt beziehungsweise innerlich unterscheidet.

          Man kann dabei davon ausgehen, dass sich Kirchenaustritte im Wesentlichen mit religiöser Indifferenz erklären lassen. Sicher mag es auch welche aus Protest gegen die aktuelle Haltung der Kirchen zu bestimmten religiösen, kulturellen oder politischen Fragen geben. Die meisten jedoch werden gehen, weil ihnen Religion an sich egal geworden ist. Diese Vermutung legt aber nahe, dass die großen Religionsgemeinschaften irgendwann auf so etwas wie einen harten Kern der wirklich Religiösen abschmelzen werden, denen die Glaubensinhalte und Gebote ihrer Gemeinschaft alles andere als egal sein werden.

          Dies wirft die Frage auf, wie sich die religiös Gleichgültigen und die religiös Überzeugten schließlich zueinander verhalten werden. Nimmt die Toleranz untereinander zu, oder werden mehr und mehr unversöhnliche Haltungen aufeinanderprallen? Werden die früher Religiösen in den noch oder immer stärker Religiösen eine gefährliche Minderheit sehen, und werden umgekehrt diese Minderheiten sich in einem Fundamentalismus des Glaubens von einer immer säkulareren Mehrheitsgesellschaft abwenden?

          Der Grazer Religionssoziologe Franz Höllinger hat diese Fragen jetzt mit Daten aus Österreich untersucht. Der „Soziale Survey Österreich“ hat 2018 in einer repräsentativen Studie 1200 Personen über 18 zu ihren religiösen Einstellungen befragt. Höllinger interessierte sich dabei vor allem für die Frage, wie religiöse Menschen eigentlich zu anderen Religiösen stehen. Seinen Hypothesen nach müssten die Sympathien der Religiösen eigentlich den anderen Religiösen gelten, auch unabhängig davon, welcher Religionsgemeinschaft jemand angehört. Es sei denn, er vertritt einen religiösen Fundamentalismus, dann erwartete Höllinger so etwas wie eine missionarische Intoleranz der Fundamentalisten allen gegenüber, die nicht dem eigenen Glauben angehörten.

          Und schließlich wollte Höllinger wissen, wie die befragten Einwohner seines Landes generell die vier nichtchristlichen Religionen einschätzten, also Buddhisten, Hindus, Juden und Muslime. Was nicht überrascht, ist die überwiegend neutrale Einschätzung der Religionen untereinander. Vor allem die Nichtreligiösen zeigen eine generell neutrale Haltung gegenüber anderen Religionen. Aber es gibt Ausnahmen: Im Ranking der Religionsgruppen, die am wenigsten von den anderen geschätzt werden, liegen die Muslime eindeutig ganz oben. Insgesamt 36 Prozent der Befragten äußerten ihre negative Haltung gegenüber Anhängern des Islams, von den Nichtreligiösen sogar 41 Prozent. Aber auch gegenüber den Juden gaben 14 Prozent aller Teilnehmer der Studie an, negativ eingestellt zu sein. Unter den Muslimen waren es sogar 21 Prozent, die Juden ablehnten.

          Doch Höllinger wollte es genauer wissen, darum untersuchte er auch die Haltung der Befragten gegenüber interreligiösen Beziehungen. Also ob sie die Ehe eines Familienmitgliedes mit dem Mitglied einer anderen Religionsgemeinschaft gut fänden und wie sie generell das Konfliktpotential zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften einschätzten. Erstaunlicherweise bejahten ausgerechnet die Muslime am deutlichsten eine (nicht näher spezifizierte) interreligiöse Ehe in ihrer eigenen Familie – 47 Prozent im Unterschied zu den nur 32 Prozent der Katholiken. Und von der Möglichkeit harmonischer Beziehungen zwischen den Religionen sind ebenfalls die Muslime am stärksten überzeugt. Diese Befunde seiner eigenen Studie aber irritierten Höllinger, er hätte das so nicht erwartet, denn Studien aus Deutschland zeigten, so Höllinger, dass hierzulande 95 Prozent der Migranten mit türkischem Hintergrund innerhalb ihrer ethnischen Herkunft heirateten. Kurz – Höllinger erklärt dieses Ergebnis der österreichischen Studie erstaunlicherweise für unzuverlässig, die muslimischen Teilnehmer der Umfrage hätten im Interview wohl nur deshalb so geantwortet, weil diese Antwort „erwünscht“ gewesen wäre.

          Aber warum bekannten sich dann 21 Prozent der Muslime (und 13 Prozent der Katholiken) recht freimütig zu ihrer Ablehnung von Juden? Wenn man unterstellen darf, dass diese Antwort in Österreich ebenfalls unerwünscht ist, warum verbergen die Interviewten sie dann nicht genauso wie ihre tatsächlichen Einstellungen gegenüber interreligiösen Ehen? Weil sie sich auch hier als Teil der Mehrheitsgesellschaft in Österreich begreifen? Höllinger kann diesen Problemen einer interviewbasierten Sozialforschung nicht ausweichen, das Fach aber sollte davon mehr als beunruhigt sein.

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