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Soziale Systeme : Die Gesellschaft als Glücksschmiede

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Ist wirklich jeder selbst für den eigenen Erfolg verantwortlich? Bild: Picture-Alliance

Misserfolg im Leben ist nicht selten äußeren Umständen anzulasten. Aber gilt das für den Erfolg etwa nicht? Eine sozialwissenschaftliche Betrachtung

          Der Grad der Gelungenheit einer Biographie ließe sich daran messen, ob dieser Mensch nach den üblichen Maßstäben nicht nur erfolgreich war, sondern seinen Erfolg sich auch noch selbst verdankte. Erfolg kann ja vom Zufall der Herkunft begünstigt oder Effekt einer förderlichen Umwelt sein. Das kratzt dann am Wert des Erfolgs, schließlich verlangt schon das Sprichwort, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied.

          Die ständige Ermahnung zum Erwerb von Bildung geht ja einher mit der Erwartung, dem eigenen Leben Ziele zu geben, und damit Kriterien dafür, ob es ihnen genügte. Die Sozialpsychologie spricht in diesem Zusammenhang vom Begriff der „Kausalattribution“ biographischer Wirkungen und unterscheidet diese nach ihren internen oder externen Quellen.

          Ein einzelnes Ereignis kann das ganze Leben belasten

          Dabei neigt man dazu, Erfolge als selbsterworben zu beanspruchen, während Misserfolge gerne den misslichen Umständen der Umwelt zugerechnet werden. Für diesen Befund erklärt sich dann die Soziologie zuständig, die man auch als die Erfindung der wissenschaftlich begründeten Entlastung bezeichnen könnte – wer es zu nichts gebracht hat, kann mit ihrer Hilfe wahlweise die Gesellschaft, das System oder die Bildungspolitik verantwortlich machen. Zwar kann auch die moderne Gesellschaft nicht jedem ein erfolgreiches Leben versprechen, aber immerhin gelingt es ihr so, sich selbst als Schuldigen anzubieten, sollte der Erfolg ausbleiben.

          Aber wächst mit dem Kontostand auch die Überzeugung, alles sich selbst zu verdanken? Der Kölner Soziologe Heiner Meulemann hat jetzt in einer aktuellen Studie versucht, diese Fragen empirisch zu überprüfen. Er nutzte dafür die Daten des Kölner Gymnasiastenpanels: 1969 wurden dafür erstmals Schülerinnen und Schüler des zehnten Schuljahres an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen befragt, die dann in drei weiteren Wellen 1984, 1997 und 2010 abermals  interviewt wurden. Gefragt wurden sie nach der Bedeutung der Faktoren Begabung und Fleiß als interne sowie Glück und familiäre Herkunft als externe Gründe für ihren Erfolg im Leben, gemessen am erreichten Einkommen und messbaren Prestige ihres Berufs.

          Man muss dabei allerdings negative Kumulationseffekte speziell der beruflichen Lebensgeschichte berücksichtigen. Erfolg genauso wie Scheitern kann sich hier in besonderem Maße langfristig auswirken – ein einzelnes Ereignis wie etwa ein schlechter Schulabschluss kann das ganze weitere Leben belasten. Berufswege sind also im Unterschied zu Partnerschaft, Freizeit und Konsum in diesem Sinne sehr pfadabhängig. Wie schlägt sich das empirisch nieder?

          Zunächst einmal meinte es das Leben insgesamt gut mit der untersuchten Kohorte. Die beobachteten 26 Jahre sind größtenteils von Aufstiegen geprägt. Das liegt sicher auch an der sozialen Stellung der Ausgangsstichprobe, man kann bei den ehemaligen Kölner Gymnasiasten der späten sechziger Jahre durchaus von einer privilegierten Generation ausgehen. Ihr berufliches Prestige und das entsprechende Einkommen entwickelten sich ziemlich gleichmäßig - mit einem Extraschub im vierten Lebensjahrzehnt.

          Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nimmt ab

          Aber wie denken diese Aufsteiger über die Gründe des Aufstiegs? Zu Beginn liegen die zur Begründung herangezogenen internen Faktoren deutlich vor den externen: Die 16-Jährigen werteten Fleiß weit vor Begabung und beide deutlich vor dem Einfluss der familiären Herkunft und dem Glück. Zwischen dem 16. und dem 30. Lebensjahr nimmt dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aber deutlich ab, jetzt wächst die Bedeutung externer Einflüsse auf den beruflichen Erfolg.

          Man steigt weiter auf, erfährt aber gleichzeitig das Gewicht der Herkunft sowie die Unwägbarkeiten des biographischen Zufalls. Erst nach dem 30. Lebensjahr kommt es dann zu einer gewissen Ausbalancierung interner und externer Faktoren, wobei die internen aber immer vorne liegen. „Man glaubt“, schließt Meulemann, „im eigenen Leben das Heft in der Hand zu halten und sieht sich in einer Gesellschaft, die diesen Glauben rechtfertigt.“

          Auch wenn seine Studie nach den Geschichten der Erfolgreichen fragt, sieht Meulemann seine Ergebnisse als Bestätigung der These, die moderne Gesellschaft pflege ein „Mobilitätsethos“: Die Dominanz der internen Zuschreibung persönlichen Erfolgs unterscheide das Positivum des Erfolgs vom Negativum des Misserfolgs, darum folgt auf die Feststellung sozialer Ungleichheit auch rasch die Anklage gesellschaftlicher Ungerechtigkeit.

          Aber was spräche eigentlich dagegen, auch einmal Erfolg mit Gesellschaft zu erklären? Etwa mit einem nach wie vor herausragendem Schulsystem, gebührenfreien Universitäten, verantwortungsvollen Gewerkschaften und einer weltweit bewunderten Sozialgesetzgebung? Die Soziologie jedenfalls mit ihrem Fokus auf der Benachteiligung durch die Gesellschaft wäre es ihrem Gegenstand eigentlich schuldig, auch einmal seine Stärken in der Produktion von Vorteilen herauszustellen. Es könnte sich langfristig durchaus auf die Zufriedenheit der Gesellschaftsmitglieder auswirken.

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