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Soziale Systeme : Der Mythos vom modernen Nomaden

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Wer in einer globalisierten Welt erfolgreich sein und gut verdienen will, müsse sich heutzutage öfter aus seiner Komfort-Zone bewegen. Bild: dpa

Mit der Globalisierung kommt unausweichlich die Mobilität. Es lebt, was sich bewegt. Doch nicht jeder der modernen Gesellschaft fühlt sich dazu berufen.

          Einige jüngere Gesellschaftstheorien sehen das Wesen des Sozialen in der Mobilität. Die Gesellschaft ist das, was sich bewegt, was früher anders war als heute. Dieses Heute ist dann die mobile Gesellschaft, so die Diagnose. Alles und alle sind in Bewegung. Individuen steigen sozial auf, Gruppen steigen ab, Klassen lösen sich auf. Berufe entstehen und verschwinden.

          Waren und Techniken erscheinen lokal und verbreiten sich global. Menschen setzen sich in Bewegung, wandern ein und aus, bleiben oder ziehen weiter. Alles scheint im Fluss, nicht zuletzt das Wissen selbst, was durch seine digitale Verfasstheit erleichtert wird.

          Erleichtert das denn nicht auch die Arbeit der Soziologen? Man muss doch nur messen, was sich seit der letzten Erhebung verändert hat, und hat schon einen Befund. Ungemein schwerer hat es da alles, was sich nicht bewegt. Nicht nur, weil es sich schwerer beobachten lässt.

          Reise dich erfolgreich!

          In einer Gesellschaft von Mobilen stehen die Immobilen generell im Verdacht, das Alte, Rückständige, Überforderte oder gar Überflüssige zu verkörpern. Wer in der Provinz bleibt, gilt als selbst schuld, wenn das Verharren wirtschaftliche und persönliche Nachteile bringt.

          Das Gebot der Stunde lautet: Reise deiner Verwertbarkeit nach! Erst die Bereitschaft zum Umzug oder zum Pendeln über große Distanzen legitimiert demnach Ansprüche auf soziale Aufstiege.

          Das fordert heraus zur Erforschung von Mobilitätsmustern. Gewissermaßen als Gegengift zu einer von ihr festgestellten „Raumblindheit“ der Soziologie hat die Luzerner Soziologin Katharina Manderscheid eine vergleichende Studie des Mobilitätsverhaltens deutscher, britischer und Schweizer Paare im Erwerbsalter unternommen.

          Deutsche und Schweizer generell eher träge

          Die verwendeten Umfragen von 2012 verraten zwar schon auf den ersten Blick deutliche Unterschiede zwischen den drei Ländern. Gemeinsam ist ihnen aber, dass Sesshaftigkeit keineswegs ein Minderheitenphänomen ist: Die meisten bleiben, wo sie schon immer lebten.

          Umzüge über Bundesländer-, Kantons- oder Regionsgrenzen hinweg sind äußerst seltene Ereignisse. Gerade einmal 3,7 Prozent der Paare in Deutschland und 6,5 Prozent in der Schweiz hatten in den vergangenen acht Jahren ihren bisherigen Wohnort verlassen. Nur die Briten erwiesen sich hier mit 13,8 Prozent als etwas mobiler, obwohl sie die meisten Paare mit eigenem Wohneigentum aufwiesen.

          Aber nehmen nicht immer mehr Menschen immer weiter entfernte Arbeitsplätze an, gerade weil sie die Heimat nicht endgültig verlassen wollen? Ist nicht der Berufspendler im ICE oder gleich im Flieger der wahre Held der modernen Arbeiterklasse?

          Wer jung ist, muss wandern

          Auch hier beweisen sich gerade die Deutschen als eher unbeweglich. Gerade einmal 32 Kilometer beträgt hier der durchschnittliche Arbeitsweg verheirateter Männer ohne Kinder. Familienväter fahren hierzulande sogar nur 27 Kilometer weit zur Arbeit.

          Die Schweizer und die Briten hingegen pendeln immerhin rund 50 Kilometer weit, ganz unabhängig davon, ob daheim der Nachwuchs wartet. Für alle Länder gilt zugleich, dass Frauen noch kürzere Arbeitswege zurücklegen. Ist der flexible Berufsnomade also eher ein Mythos der Feuilletons beziehungsweise einer feuilletonistischen Soziologie?

          Nicht ganz. Festzustellen ist zunächst, dass Alter und Mobilitätsgrad gegenläufige Größen sind. Soll heißen: Mobilität ist eine lebensphasenspezifische Zumutung der modernen Berufswelt. Wer jung ist, muss wandern. Und wer jung ist und besonders gut verdienen will, muss noch mehr wandern.

          Pendeln als eine statuserhaltende Überlebens-Mobilität

          Sesshaftigkeit ist dennoch nicht allein das Merkmal der schlecht Ausgebildeten oder einfach Anspruchslosen. Auch Kinder sind ein Grund für Immobilität. Aber eben auch beruflicher Erfolg, weil er letztlich Unabhängigkeit ermöglicht. Für diesen Befund von Sesshaftigkeit als Privileg der Besserverdienenden spricht in dieser Studie auch, dass berufliches Pendeln in Deutschland vor allem eine statuserhaltende „Überlebens-Mobilität“ der mittleren Einkommensschichten ist.

          Die Studie bietet einen weiteren überraschenden Befund, der etwas mit Autos, Eisenbahnen und Tunneln zu tun hat, also wirklich mit Räumen und den sich darin bewegenden Menschen. In der Schweiz nämlich gehört „Autolosigkeit“ zu einem hohen Einkommen, in Deutschland und England dagegen zu eher niedrigen Einkommen und geringerer Erwerbstätigkeit.

          Die Eidgenossen sind mobil ohne eigenes Fahrzeug. Man kann sich diesen Verzicht dort buchstäblich leisten, obwohl die Schweizer die längsten Arbeitswege auf sich nehmen. Sie haben aber auch die längsten Tunnel der Welt und ein entsprechend hervorragendes Eisenbahnnetz. Die kantonalen Unterschiede in den Mobilitätsmustern ihrer Bewohner hält die Studie daher für praktisch vernachlässigbar.

          Was man weder für England mit seiner extremen Konzentration auf die hochmobile Region Inner London noch für Deutschland mit seinen erheblichen Ost-West-Unterschieden sagen kann. Die Erschlossenheit des homogenen Raums in der Schweiz ermöglicht also hohe Mobilität, während die Heterogenität der ökonomischen Räume in Deutschland und England diese geradezu erzwingt.

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