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Corona-Krise : Eine Epidemie der Furcht

  • -Aktualisiert am

Die Angst vor der Seuche ist mindestens so ansteckend: Aussätzige Frau in einer englischen Buchmalerei des 14. Jahrhunderts Bild: akg-images / British Library

In Krisenzeiten verlieren wir die Orientierung, und das Misstrauen gegenüber anderen wächst. Was ist der Grund dafür?

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          Vor genau dreißig Jahren hat der britische Medizinsoziologe Philip Strong einen Aufsatz zur Soziologie von Epidemien vorgelegt, der schon bald zum Zitierklassiker der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung werden sollte. Damals war Aids die Bedrohung der Stunde, und auch die Interviews des Autors bezogen sich auf die dadurch ausgelösten Verunsicherungen. Strong berücksichtigte aber auch antike und mittelalterliche Seuchen, weil er nach einem allgemeinen Modell suchte. Es handelt sich also um einen bewusst unhistorischen Gedanken, der vor allem die gleichbleibenden Züge in der Reaktion auf ein großes, neues und weithin unbegriffenes Unheil treffen soll.

          Dabei geht es dem Autor nicht um den objektiven Verlauf einer Ansteckungskrankheit, von der man befürchten muss, dass sie die Gesundheit oder das Überleben sehr vieler Menschen gefährden werde – und zwar unter angespanntestem Zeitdruck und mit einem dadurch scharf limitierten Repertoire an sinnvollen Abhilfen und Reaktionsmöglichkeiten. Stattdessen interessiert er sich für die Orientierungskrise, die derartige Aussichten in der Gesellschaft auslösen. Diese zweite Krise ist nicht einfach ein mehr oder minder getreues Spiegelbild jener ersten. Sie breitet sich zwar ihrerseits ansteckungsgleich aus, folgt dabei aber einer eigenen Logik und kann deshalb eigene „Aufregungsschäden“ (Niklas Luhmann) anrichten, und zwar nicht nur vorübergehende am Urteilsvermögen der Beteiligten, sondern auch dauerhafte an den Einrichtungen ihrer Gesellschaft.

          Notwendige Subjektivität

          Den Hauptgrund für diese Autonomie der sozialen Entwicklung sieht Philip Strong darin, dass es angesichts von großen, akuten und neuartigen Gefahren nicht möglich ist, auf bewährtes Wissen zurückzugreifen. Als etwa der Schwarze Tod zum zweiten Mal zulangte, hatte man bereits Erfahrungen und Routinen im Umgang mit dieser Pandemie, der Erstauftritt aber traf Unvorbereitete. Das Handeln in einer Krise dieses Typs ist Strong zufolge nicht einfach richtig oder falsch, und es kommt auch, von drastischen Missgriffen hier einmal abgesehen, nicht einfach zu früh oder zu spät. So mögen es Historiker später sehen, aber Zeitgenossen des unbekannten Desasters steht deren Wissen nicht zur Verfügung. Sie haben keine andere Möglichkeit, als unzureichende Informationen zu überziehen und auf selbstgemachten Sicherheitsgrundlagen zu handeln. Ihre Reaktionen sind also unvermeidlich subjektiv, und gerade diese notwendige Subjektivität macht viele objektive Züge der sozialen Entwicklung verständlich.

          Strong erläutert das am Beispiel des Misstrauens in Mitmenschen, die man für gefährlich hält. Das mag eine subjektive Fehleinschätzung sein. Aber gerade als solche tendiert sie bereits in normalen Situationen zur Selbstverstärkung und zur offenen Feindschaft, und in schweren Orientierungskrisen mag diese Feindschaft sich gegen diejenigen richten, von denen man annimmt, dass sie die Krankheit haben oder verbreiten könnten. Zu den ersten Reaktionen auf Aids gehörte bekanntlich der Versuch, darin eine Krankheit allein der Schwulen zu sehen, wenn nicht gar eine Strafe für ihre sexuelle Orientierung. Strong spricht von einer Epidemie der Furcht, um solche Wellen des Misstrauens zu bezeichnen.

          Alarmisten und Leugner

          Die notwendige Subjektivität der Reaktion erklärt ganz gut, warum es nicht zu einmütigen, sondern zu konkurrierenden Einschätzungen der Gefahr kommt, etwa indem Alarmisten und Leugner einander gegenüberstehen, beide mit starken emotionalen Engagements zugunsten der jeweils eigenen Auffassung. Auch wissenschaftliche Kontroversen mögen dann wie Glaubenskriege geführt werden, und außerdem kann es Konversionen geben, die Anhänger des einen Lagers ins andere treiben, wo sie dann mit dem Eifer von Neubekehrten ihre Predigten fortsetzen. Philip Strong spricht von einer Epidemie des Erklärens und von einer Epidemie der Handlungsempfehlungen, um dieses unabgestimmte Hantieren mit starken Überzeugungen zu bezeichnen.

          Die Zweifel an diesem unhistorischen Verfahren liegen auf der Hand: Reagierten nicht vorneuzeitliche Hochkulturen ganz anders auf Epidemien als moderne Gesellschaften? Und macht es nicht einen erheblichen Unterschied, ob Priester oder Wissenschaftler als kompetente Interpreten auftreten? Strong würde darauf vielleicht entgegnen, dass die Simplifikation des Modells einen Aspekt an der Sache selbst treffe, Krisen hätten nun einmal einen Zug zur Vereinfachung der Perspektiven. Die intellektuelle und emotionale Regression gehöre zu ihren Begleiterscheinungen, ein starker Trend zur sozialen Entdifferenzierung zu ihren festen Erkennungszeichen. Das klingt plausibel: Satte Menschen können sich unterscheiden, aber schier unerträglicher Hunger macht alle gleich. Ähnlich mag man sich inmitten einer vertrauten Lebenswelt hierhin oder dorthin wenden, aber angesichts der unvertrauten Gefahr liegen weniger differenzierte und vor allem weniger unabhängige Reaktionen nahe.

          Philip Strong, „Epidemic psychology: a model“, Sociology of Health & Illness, Vol. 12, No. 3 (1990), S. 249-259

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