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Soziale Systeme : Diese Theorie kann man sich schenken

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Was bewegt uns zum Schenken? Die Theorie des Geschenks soll dies nun erklären. Bild: dpa

Wie sollte ein Geschenk zu Dankbarkeit verpflichten können, wenn es ganz offenbar nur um der Gegenleistung willen gemacht wurde? Soziale Interaktionen erschöpfen sich nicht in ökonomischen Taten.

          Der Soziologe Ulrich Oevermann hat sich einmal die folgende Weihnachtsszene für Paarbeziehungen ausgedacht: Beide, sie und er, hatten zuvor jeweils für sich über das angemessene Weihnachtsgeschenk nachgedacht. Und beiden, ihm und ihr, schien es nach reiflicher Überlegung angebracht, einen grauen Winterschal zu verschenken. Nach der Bescherung hielt folglich jeder in Händen, was er auch zuvor schon besessen hatte und also bei gleichem Endergebnis auch hätte behalten können. In Oevermanns Fiktion kommentieren die Beteiligten dies mit dem ironischen Satz: Das hätten wir uns auch schenken können!

          Soziologisch gesehen bezeugt dieser Satz ein Missverständnis. Das gegenseitige Schenken wird von dem Paar in der geschilderten Szene nicht als Ausdruck gegenseitiger Achtung verstanden, nicht als Symbol einer sozialen Beziehung, sondern nach Art einer ökonomischen Transaktion, bei der jeder etwas hergibt, das er geringer bewertet, um im Austausch dafür etwas zu erhalten, das ihm wertvoller dünkt. Nicht die Gabe als solche, sondern das Interesse an der höher bewerteten Gegengabe würde demnach das Geschenk motivieren.

          Von den Ökonomen wird dieses Missverständnis mitunter als Theorie des Geschenks angeboten. Nur der Tauschwert der Gabe, nur die Spekulation auf die künftige Erwiderung soll erklären können, warum es zum Geben überhaupt kommt. Geschenkt würde demnach stets aus wohlverstandenem Eigennutz und nicht etwa, um dem anderen eine Freude zu machen. Das Schenken wäre also keine Alternative zum Tauschen, sondern eine seiner Formen, und zwar eine ziemlich unvollkommene. Wer etwas schenkt, weiß nämlich nicht, ob er und wann er etwas Gleichwertiges wiederbekommt. Er muss sich mit hoher Verlustgefahr engagieren und hat im Enttäuschungsfalle nicht einmal die Möglichkeit, vor Gericht zu ziehen. Dieses Risiko erspart sich, wer gleich zu Beginn mitteilt, dass er nichts zu verschenken hat, sondern tauschen will, und dann in Verhandlungen eintritt.

          Ist das Schenken nur ein Tauschgeschäft?

          Diese Theorie hat bekannte Probleme mit der Gabe, von der man schon vorher weiß, dass sie unerwidert bleiben wird, etwa weil sie an Individuen oder Gruppen geht, von denen sicher ist, dass sie sich nicht revanchieren können. Dass die Reichen und Schönen sich über mangelnde Hilfsbereitschaft nicht beklagen können, versteht sich von selbst. Aber warum wird mitunter auch den Armen und Unansehnlichen geholfen? Und wie erklärt man sich die Bereitschaft zu Blut- oder Organspenden, bei denen dafür gesorgt ist, dass dem Spender die Identität des Nutznießers unbekannt bleibt mit der Folge, dass dieser auch bei etwa vorhandenem Reichtum von der Erwartung auf Gegengaben verschont bleibt?

          Einen gewissen Realismus kann man der ökonomischen Theorie, die das Schenken mit dem Tauschen gleichsetzt, nicht absprechen. Er liegt darin, dass angenommene Geschenke ihren Empfänger zur Dankbarkeit verpflichten. Psychisch gesehen kann man also durchaus etwas schenken, um den Beschenkten damit in die Schuldenfalle zu locken. Und umgekehrt werden, wiederum psychisch gesehen, Geschenke mitunter abgelehnt, weil man ebendiese Dankesschuld zu vermeiden sucht.

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          Hält man sich dagegen nicht an das Bewusstsein, sondern an die Kommunikation, sieht die Sache ganz anders aus. Das Interesse des Schenkenden an der Erwiderung und die Unlust des Beschenkten, sich zu ihr zu verpflichten, können nämlich nicht kommuniziert werden. Man sieht dies daran, dass die Ablehnung eines Geschenkes mit der Begründung, man scheue die Verpflichtung dem Empfänger gegenüber, wolle keine Ansprüche auf spätere Gegengaben auf sich ziehen oder könne sie doch jedenfalls nicht erfüllen, wenig Erfolgschancen haben würde und daher unter einigermaßen erfahrenen Leuten nicht vorkommt. Denn natürlich würde der Schenkende sofort entgegnen, dass er gar keine Gegengaben erwarte, dass es doch ein Geschenk sei und nicht etwa ein Tausch, motiviert allein durch das Wohl des anderen und nicht durch das eigene. Auf der Ebene der Kommunikation könnte der Gegensatz zum Tauschgedanken also nicht stärker betont werden.

          Und in der Tat: Wie sollte ein Geschenk zu Dankbarkeit verpflichten können, wenn es ganz offen nur um der Gegenleistung willen gemacht wurde. Zuverlässig auf Dankbarkeit rechnen und auf sie spekulieren kann also nur, wer unwiderleglich bestreiten kann, dass er ebendies tut, und genau diese Kommunikationsregelung verhindert dann auch, dass die Kalkulationsgrundlagen der Großzügigkeit wirklich aufgeklärt werden. Wenn das Schenken also ein Tauschakt ist, dann ein solcher, dessen Tauschcharakter latent bleibt. Auch wer aus rationalem Kalkül schenkt, muss das Gegenteil darstellen, und danach ist er an die dargestellten und nicht an die wirklichen Motive gebunden. Dazu gehört dann auch, dass er die Gegengabe nicht offen einfordern, ihr Ausbleiben nicht effektiv sanktionieren kann und etwaige Unzufriedenheiten mit ihrer Bemessung besser für sich behält.

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