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Soziale Systeme : Die geteilte Zuwendung

  • -Aktualisiert am

Ungeteilte Aufmerksamkeit – hier allerdings für das Smartphone Bild: Picture-Alliance

Im persönlichen Gespräch hat man sich ganz dem Gegenüber zu widmen? Das war einmal! Heute zeigt man durch den Gebrauch des Smartphones, dass man seine Aufmerksamkeit nicht nur teilen – sondern auch gänzlich Abwesenden schenken kann.

          Ungeteilte Loyalität ist ein Begriff, den der deutsch-amerikanische Soziologe Lewis Alfred Coser eingeführt hat, um den umfassenden Anspruch zu bezeichnen, den manche Gruppen an ihre Mitglieder richten. Vor allem einfache und undifferenzierte Gemeinschaften sind eifersüchtig darauf bedacht, dass all ihre Angehörigen sich ausschließlich an ihren eigenen Vorstellungen über Gut und Böse orientieren. Kontakte zu Gruppenfremden, die das Gruppenmitglied darin verunsichern könnten, werden daher nach Möglichkeit unterbunden.

          Aber auch intensivere Zweierbeziehungen zu anderen Gruppenmitgliedern darf man, Lewis Coser zufolge, unter diesen Umständen nicht eingehen. In dem Paar, das sich absondern will, sehen die anderen nur eine Anmaßung der Gruppe gegenüber, und zur Strafe dafür werden die beiden dann auf Schritt und Tritt überwacht. Positive Vokabeln für Liebe oder für Freundschaft mag es auch in einer derart geschlossenen Gesellschaft geben. Aber sie meinen dann eine sozial inklusive Einstellung, die zu eigentlich allen Gruppenmitgliedern bestehen sollte. Wer andere ausschließen will, gerät leicht in den Verdacht, ein Verräter zu sein.

          Nur ungeteilt ist höflich

          In den frühesten Gesellschaften muss man nach Beispielen für so ein Besitzdenken nicht lange suchen. Viele Stammesgesellschaften waren nämlich selbst schon, wie Coser es nennen würde, als „gierige Institutionen“ verfasst. Sie fürchteten im Fremden den möglichen Feind – und im Vertrauten den möglichen Bundesgenossen für Meinungsbildungen gegen die Gruppenideologie. In der modernen Gesellschaft scheinen dagegen nur die politischen oder religiösen Sekten zu dieser Art von kollektiver Eifersucht disponiert. Die Sektenführer predigen dann beispielsweise, dass die freie Liebe den Vorzug vor der festen Beziehung verdiene, weil sie allzu enge Bindungen an bestimmte Personen verhindern wollen.

          In einer unlängst publizierten Untersuchung tauchen nun Begriffe für ungeteilte Zuwendung an ganz ungewohnter Stelle auf. Und zwar sollen sie Erwartungen an Gesprächspartner bezeichnen. Das ist zunächst überraschend und dann überzeugend. Überraschend ist es, weil man zwar in einer und nur einer Gruppe leben kann, aber nicht in einem und nur einem Gespräch. Alle Gesprächsteilnehmer haben es vorher und nachher auch mit anderen, gegenwärtig abwesenden Personen zu tun. Und alle Anwesenden wissen dies voneinander und zeigen Verständnis dafür – etwa wenn einer von ihnen vorzeitig aufbrechen muss, weil man anderswo auf ihn wartet.

          Überzeugend ist das Prädikat „ungeteilt“, wenn man es auf die Dauer der Zusammenkunft selbst beschränkt. Dann sieht man sofort, dass auch Gespräche „gierige Institutionen“ sind. Mitteilungen, die andere Gesprächsteilnehmer auszuschließen versuchen, sind unerwünscht: Wer flüstert, so heißt es dann, der lügt. Und entsprechend werden auch alle Kontakte zu Gruppenfremden, und das heißt hier: zu Abwesenden, deutlich missbilligt. Schon der wiederholte Seitenblick zum Restaurantgast am Nachbartisch oder die merkliche Ablenkung durch die Fernsehübertragung eines Fußballspiels in der anderen Ecke der Kneipe gelten als unhöflich. Wer sich für Nichtanwesende interessiert, der muss diese entweder sogleich zum Thema machen, also über sie zu reden beginnen, oder er fällt unangenehm auf.

          Handys sind Alleinunterhalter

          Der Gegenstand der Untersuchung ist die Erschütterung dieser kleinen Sozialordnung durch den heute üblichen Gebrauch des Smartphones: Man nutzt eine kurze Gesprächspause oder die vorübergehende Abwesenheit des Gesprächspartners, um das eigene Gerät zu zücken, und ist danach dann erst einmal damit – also mit Abwesenden befasst. Dem Partner zeigt man auf diese Weise, dass man andere attraktiver findet als ihn. Das mag mit seiner zuvor eingeholten Erlaubnis geschehen, aber spätestens dann, wenn diese Zuwendung zu Abwesenden vor unbeteiligten Zuschauern geschieht, macht sie Statusdifferenzen erkennbar: Während der eine klaglos warten muss, denn er hatte ja zugestimmt, darf der andere getrost warten lassen.

          Die Feldstudien in der Mensa seiner Universität, die der Autor durchführte, aber auch die studentisch besetzten Diskussionsgruppen, in denen er den so gewonnenen Eindruck zu überprüfen versuchte, sollten die Frage klären, wie die Adressaten dieser Zumutung auf sie reagieren. Natürlich gibt es verschiedene Reaktionsweisen, aber gerade diejenige, die sofort einfällt, wirkt sich im Sinne einer Abweichungsverstärkung aus, die das Problem der Entfremdung vergrößert, statt es zu lösen. Um nämlich nicht aussehen zu müssen wie bestellt und nicht abgeholt, wenden sich viele Wartende ihrem eigenen Gerät zu und demonstrieren durch eifriges Tippen, dass auch sie ein reiches Kontaktnetz haben. Wer also zwei Personen erblickt, die sich in scheinbarer Eintracht mit den je eigenen Geräten befassen, sollte diesem harmonischen Eindruck nicht trauen: Vielleicht hat er es mit einem Rücksichtslosen und einem Frustrierten zu tun.

          Literaturangaben

          Lewis A. Coser, Gierige Institutionen, Berlin 2015; Brad Ictech, Smartphones and Face-to-Face Interaction, in: Symbolic Interaction 42 (2019), S. 27–45.

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