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Soziale Systeme : Der Sport und die Statistik

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Hier stimmt einfach alles: Teamfoto im Maracana: Deutschland gewinnt Gold Bild: AFP

Im digitalen Zeitalter können Athleten nicht mehr einfach nur so vor sich hin trainieren.

          Wo Sport getrieben wird, da wird gezählt. Kein Wettkampf ohne Leistungsmessung - der moderne Sport ist ohne die gleichzeitige Entwicklung seiner numerischen Erfassung völlig undenkbar. Dabei hat sich auch im Sport längst eine hochprofessionelle Expertenform des Zuschauens von der Laienform differenziert. Jeder kann in einem Fußballspiel die gefallenen Tore mitzählen. Aber die Laufleistungen der Spieler, die Anzahl ihrer Ballkontakte oder gar der prozentuale Anteil des Ballbesitzes einer Mannschaft sind Zahlen, die sich erst am Bildschirm mit eigens dafür programmierter Software ermitteln lassen. Ganz zu schweigen von solchen Messgrößen wie Laktatwerten oder Körperfettanteilen. Inzwischen kann es sich etwa im Fußball kein Profiverein mehr leisten, auf die Auswertung solcher Daten mit dem Zweck der Optimierung der individuellen wie kollektiven Leistungsfähigkeit zu verzichten. Hier hat sich mittlerweile ein wachsender Markt für Softwareanwendungen entwickelt. Daten verändern also Sportler - machen sie fitter, schneller, athletischer. Aber verändern sie auch den Sport selbst?

          Zur Beantwortung dieser Frage genügt es nicht, individuelle Leistungssteigerungen einfach auf das Spiel oder den Wettkampf hochzurechnen. Natürlich hat die immens gesteigerte Athletik der Ballspieler das Spiel insgesamt „schneller“ gemacht, also dynamischer und insofern kampfbetonter. Ein Spieler mit dem typischen Fitness-Level etwa der siebziger-Jahre wäre im heutigen Fußball darum völlig chancenlos. Dass Leistungssteigerung und Leistungsmessung in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis stehen, ist jedoch erst der Anfang. Interessant wird es, wenn man nach den sozialen Verhältnissen fragt, in denen typische Disziplinen des modernen Sports ausgeübt werden

          Nicht allein die Teamfähigkeit zählt

          Da wäre zunächst der Unterschied zwischen Mannschaftssportarten und solchen, die von einzelnen Athleten ausgeübt werden. So könnte ein Sprinter seine 100 Meter theoretisch auch allein laufen. Das ist in den Ballsportarten völlig anders. Hier gewinnt am Ende das Team, und dessen Leistungsfähigkeit ist selbstverständlich etwas anderes als die Summe des individuellen Vermögens seiner Mitglieder.

          Die Komplexität der Begegnung zweier Mannschaften irgendwie zu erfassen und aus den gewonnenen Daten Rückschlüsse auf die optimale Aufstellung und Taktik zu ziehen ist, technisch betrachtet, eine völlig andere Herausforderung. Man könnte sie auch als den Unterschied von Physiologie und Soziologie beschreiben. Soziales Handeln unter enormem Zeit- und Erwartungsdruck vorherzusagen ist natürlich der Traum eines jeden Mannschaftstrainers. Da Mannschaften aber aus Individuen aufgebaut sind, gilt wiederum das Interesse der Talentsucher solchen jungen Spielern, die nicht einfach nur teamfähig sind, sondern auch mit ihren Fähigkeiten exakt zur jeweiligen Spielphilosophie eines Teams passen. An dieser Stelle muss man sozusagen die Beschäftigungsverhältnisse einzelner Sportarten in den Blick nehmen, um bemerkenswerte Unterschiede zu erkennen.

          Lohnt es noch, Talente zu fördern?

          David Yarrow und Matthias Kranke haben kürzlich festgestellt, dass im britischen Profifußball ein datenbasiertes Monitoring bereits auf die Entwicklung neunjähriger Spieler angewandt wird. Was in diesen Kindern gefunden werden soll, lässt sich in den Begriff des Entwicklungspotentials fassen. Was früher dem erfahrenen Blick eines alten Jugendtrainers vorbehalten war, erledigen heute die Algorithmen der Software. Aber warum ist das so wichtig, was in einem Kind an Talent stecken könnte? Die dahinterstehende Frage ist schlicht, ob es sich überhaupt lohnt, ein junges Talent aufzubauen und somit langfristig an den Verein zu binden. Fußballvereine - und darin ähneln sie jedem modernen Unternehmen - stehen grundsätzlich vor der Frage, ob sie ihre Angestellten einfach einstellen oder ob sie sie selbst ausbilden. Was Sportvereine von anderen Unternehmen aber deutlich unterscheidet, sind die quasifeudalistischen Strukturen ihres Vertragsrechts. Vorzeitige Kündigungen des Vertrages sind den Spielern verboten, sie „gehören“ in gewissem Sinne ihren Vereinen für die festgeschriebene Laufzeit ihres Vertrages. Um sich vor den Begehrlichkeiten anderer Vereine zu schützen, schreiben die Vereine enorme Ablösesummen vor. Damit wächst aber auch der Druck, ein vielversprechendes Talent möglichst früh zu erkennen und es dann gewissermaßen in der vereinsinternen Ausbildung so weit zu prägen, dass sich seine Bindung an den Verein (vorausgesetzt, der junge Spieler erfüllt mittelfristig die in ihn gesetzten Erwartungen) auch auf personaler und emotionaler Ebene festigt.

          Yarrow und Kranke weisen aber auch auf eine andere Entwicklung hin: Wenn selbst so komplexe Phänomene wie Spielphilosophien und Taktiken elektronisch beobachtbar werden, bietet das auch dem individuellen Athleten die Chance, sein eigenes Training im Hinblick auf das Taktikprofil eines von ihm favorisierten Clubs oder eines spezifischen Trainers zu optimieren. Werden sich also in Zukunft die jungen Nachwuchskicker am Sonntag zum Spiel aufmachen, sollten die ambitionierten Eltern immer auch an den USB-Stick mit den Daten ihrer Sprösslinge denken. Vielleicht sitzt ja ein Talentsucher des kommenden deutschen Meisters am Spielfeldrand.

          David Yarrow & Matthias Kranke: The performativity of sports statistics: towards a research agenda, Journal of Cultural Economy (2016).

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