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Soziale Systeme : „Das kann man doch gar nicht vergleichen“

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Unvergleichbar schön: Miss Puerto Rico Bild: AFP

Und wenn auf einmal doch bestimmte Dinge vergleichbar sind, die es vorher nicht waren? Dann kann das durchaus ein Indikator für gesellschaftliche Veränderungen sein.

          Eine der elementarsten Formen sozialen Handelns ist das Vergleichen. Ständig vergleicht man: sich selbst mit anderen, mein Einkommen mit dem des Chefs, den heutigen Partner mit dem, den man mal geheiratet hat, also die Vergangenheit mit der Zukunft oder das Wirkliche mit dem Möglichen. Nichts scheint davor sicher zu sein, überprüft, gemessen, kritisiert, bemängelt oder gelobt, also: verglichen zu werden.

          Die moderne Gesellschaft verdient mit Sicherheit das Etikett einer Vergleichsgesellschaft, da sie - im Vergleich mit früheren Gesellschaften - nicht nur zum Vergleich auffordert, sondern auch sich selbst ständig an ihren eigenen Ansprüchen misst. Der Vergleich sozialer Wirklichkeit mit den Versprechungen etwa der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit unterscheidet die moderne Gesellschaft von einer traditionalen. Tradition macht Vergleichen zu einer überflüssigen Übung: Alles war schon immer so, ist auch gut so und soll auch so bleiben.

          Inflation der Vergleichsverbote?

          Das Gegenteil dieser Vergleichsindifferenz ist die im 17. Jahrhundert aufgekommene Idee des Fortschritts: Nichts wird je gut, aber alles kann immer noch besser werden. Das setzt auch wirklich alles und jeden unter Druck, an der Selbstoptimierung zu arbeiten. Die Vokabel dafür ist Stress. Das deutsche Schulsystem steht seit einiger Zeit unter Stress, weil es jetzt dank Pisa mit dem von Japan verglichen werden kann. Universitäten sind gestresst, weil sie exzellenter sein müssen als andere, also etwa ihre Drittmittel vergleichen lassen müssen. Und Banken stehen heute natürlich besonders unter Stress, weil sie inzwischen gesetzlich verpflichtet sind, in hypothetischen Krisenszenarien die Robustheit ihrer Kernkapitalquoten unter Beweis zu stellen.

          Nun ist es nicht so, dass die moderne Gesellschaft keine Vergleichsindifferenz mehr kennt. Es gibt sogar Vergleichsverbote, und die Luzerner Soziologin Bettina Heintz geht so weit zu behaupten, dass diese zunehmen werden.

          Wie kommt sie zu dieser These? Dass sich Banken mit anderen Banken vergleichen lassen müssen, ist ebenso legitim wie der Vergleich etwa des FC Bayern München mit Manchester United. Auch das Gehalt eines VW-Vorstandschefs darf und soll mit dem Gehalt eines einfachen Arbeiters desselben Unternehmens verglichen werden. Aber warum vergleicht etwa der Angestellte Thomas Müller, der bei Volkswagen am Band steht, sein Gehalt nicht mit dem von jenem Thomas Müller, der bei Bayern München angestellt ist und dort ein- bis zweimal die Woche auf dem Platz steht? Oder warum muss die Universität München keinen Gewinn erwirtschaften, der sich mit dem Gewinn des in der gleichen Stadt beheimateten Fußballvereins vergleichen lässt?

          Die Unvergleichbarkeit sozialer Funktionen

          Die soziologische Antwort hieße: Weil die moderne Gesellschaft es gewohnt ist, ihre Vergleichsgrenzen entlang der Grenzen der sozialen Funktionssysteme zu ziehen. Das unterscheidet sie zunächst von den vormodernen Gesellschaften, wo solche Grenzen von Standesunterschieden geprägt waren. Heute hingegen geht es bei den Grenzen des Vergleichens um die Unvergleichbarkeit sozialer Funktionen. So würde man es als geradezu anstößig empfinden, nach den Betriebskosten des Bundesverfassungsgerichtes zu fragen und dann festzustellen, dass ein privater Anbieter vergleichsweise günstiger wäre. Religionen wiederum sollte man eher nicht nach der Attraktivität ihrer Paradiesangebote vergleichen (man verfehlte damit wohl auch ihren Sinn) und Forschungsergebnisse nicht nach der politischen Nützlichkeit ihrer gesellschaftlichen Implikationen. Letzteres gilt insbesondere für die Sozialwissenschaften.

          Vergleichen kann man also nur innerhalb von Funktionssystemen. Man kann das als eine eingeübte Praxis unserer Gesellschaften beschreiben. Interessant wird es immer dann, wenn es zu Grenzverschiebungen kommt, also sozusagen zu Ausweitungen der Beobachtungszonen. Explizite Vergleichsverbote sind natürlich ein besonders starkes Mittel, solche Verschiebungen einzudämmen. Vermutlich sind sie sogar eher ein Indiz dafür, dass ein Damm bereits wackelt. Heintz bemerkt, dass solche Verbote zunehmen, sobald sich die strukturellen Grenzen des Vergleichens lockern. Das hieße, dass die Vergleichsmaßstäbe eines Subsystems auf eines oder gleich alle anderen Subsysteme übergriffen. Etwa wenn man feststellen muss, dass es für manche seltene Krankheiten nur deshalb keine Medikamente gibt, weil deren Entwicklung zu teuer wäre. Es dürfe nicht alles den Märkten überlassen bleiben, bemerkt Heintz und verweist auf die „Eigensinnigkeit nichtmarktlicher Sinnsphären“. Ein aktuelles Beispiel dafür wäre auch die Flüchtlingskrise: Es wird argumentiert, man dürfe Schutzsuchende nicht abweisen, nur weil es vergleichsweise zu teuer wäre, all diese Menschen aufzunehmen. Humanität darf also keinen Preis haben. Aber werden umgekehrt die Flüchtlinge nicht auch als „Investition in Deutschlands Zukunft“ gelobt? Wer entscheidet also über die Zulässigkeit einer ökonomischen Bewertung von Menschen? Anscheinend kein gesellschaftliches System allein, sondern die Gesellschaft selbst.

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          Quelle:

          Bettina Heintz: „Wir leben im Zeitalter der Vergleichung“. Perspektiven einer Soziologie des Vergleichs, in: ZfS 45 (5) 2016, 305-323

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