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Anschluss an radikale Gruppen : Das Hassen muss er erst noch lernen

  • -Aktualisiert am

Chemnitz im August vergangenen Jahres: Die Polizei verhindert das Aufeinanderprallen von rechten und linken Gruppen. Bild: dpa

Eine neue Studie zu rechtsradikalen Bewegungen zeigt: Wer diesen Gruppierungen beitritt, muss die formulierten Ziele nicht unbedingt teilen. Man kann sich Protesten auch aus Freude an ihren Ausdrucksformen anschließen.

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          Die Ziele einer Protestbewegung umschreiben nicht nur erwünschte Zustände, die andere herbeiführen sollen: mehr Klimaschutz, weniger Ausländer, bessere Studienbedingungen oder was immer. Sie haben auch die Funktion, das Verhalten der Protestierenden verständlich zu machen und es in seinen problematischen Aspekten zu legitimieren. Die Freude an der Beschädigung von Dingen und Menschen ergibt noch keine Rechtfertigung für die entsprechenden Aktionen, und die Unlust, zur Schule zu gehen, ist kein vorzeigbarer Grund dafür, es am Freitag nicht zu tun. Stattdessen muss es um etwas zugleich Höheres und Dringlicheres gehen, das sich der größeren oder kleineren Rechtsbrüche nur als eines letzten Mittels bedient. Zur Abwendung unmittelbar bevorstehender Katastrophen wird man auch andernfalls unerlaubte Handlungen in Betracht ziehen müssen.

          Ob die Anhänger der Bewegung dann mehr um des Zweckes oder mehr um der Mittel willen dabei sind, kann offenbleiben. Einer politischen Gruppierung, der es gelingt, für gewalttätiges Verhalten mindestens den Anschein einer Begründung zu produzieren, mag eben dadurch auch für ideologisch anspruchslose Schlägertypen interessant werden. Sie muss also nicht durch ihre honorigen Ziele motivieren, sie kann es auch dadurch, dass sie die Gewalt als Mittel rechtfertigt oder ihr doch jedenfalls mit verständnisvollen Erklärungen entgegenkommt. Wer das dringende Bedürfnis verspürt, Pflastersteine auf Polizisten zu werfen, der kann es im Schutze der Bewegungsideologie befriedigen, ohne schlicht als Randalierer dazustehen. Aber nicht nur in den Kampfmitteln, auch im Gemeinschaftsleben der Kämpfer stecken Motive, die von den Kampfzwecken nicht abhängen.

          Dazu passt ein neuerer Literaturbericht über Forschungen zu rechtsradikalen Bewegungen. Er weckt deutliche Zweifel, ob die formulierten Protestziele zugleich auch die Motive der Sympathisanten treffen. Gruppierungen dieser Art mögen ihr militantes Auftreten als letztes Mittel im Kampf gegen den andernfalls drohenden Untergang des Abendlands oder der weißen Herrenrasse darstellen, aber das muss nicht bedeuten, dass ihre Parteigänger von einer mehr oder minder krankhaften Abneigung gegen die jeweiligen Gegner getrieben wären. In einer Untersuchung über junge, rassistisch auftretende Skinheads stellte sich beispielsweise heraus, dass sie die eigene Rauflust als Teil einer insgesamt eher unpolitischen Jugendkultur sahen, also ganz in der Nähe von randalierenden Fußballfans, und dass der Rassismus damit nur ganz locker assoziiert war.

          Terroristen sehnen sich nach Stallwärme

          Andere Forschungen konnten zeigen, dass es unter den frischgebackenen Anhängern fremdenfeindlicher Gruppierungen keineswegs mehr Fremdenfeindlichkeit gab als unter den Nichtanhängern. Diejenigen Einstellungen, die den Anschluss an die Gruppe erklären sollen, mussten also in Wahrheit erst noch erlernt werden. Ähnlich ergaben Untersuchungen über Untergrundorganisationen, dass am bewaffneten Kampf vor allem die Solidarität unter den Kämpfenden geschätzt wird, zu der er erzieht. Terroristen wären demnach Leute, die sich nach der Stallwärme einer verschworenen Gefahrengemeinschaft sehnen, ohne darum gleich den Beruf des Soldaten, des Polizisten, des Bergmannes ergreifen zu wollen.

          Vor allem der Ausdruckswert des militanten Verhaltens muss offenbar sehr hoch veranschlagt werden. Immer wieder hat sich gezeigt, dass die Gewalt ebenso wie das Schwelgen in Gewaltphantasien als Ausweise echter Männlichkeit zelebriert werden – und zwar bevorzugt von solchen Männern, die keine Frau finden und deshalb in ihrer Geschlechtsrolle unsicher sind. Außerdem gibt es den Typus dessen, der an praktisch jeder Demonstration teilnimmt, die Krawalle verheißt, auch wenn die ideologischen Ziele ganz inhomogen sind.

          Man kann also die Kampfmittel attraktiver finden als die Kampfzwecke und an diesen nur schätzen, dass sie jene zu heiligen vermögen. Für die Bewegung selbst liegt in dieser Motivlage der Nachteil, Gewaltverzichte nicht durchsetzen zu können, ohne Anhänger zu vergraulen. Wenn die Trennung von Mittel und Motiv misslingt, verlieren die Mittel die Mobilität, die sie, rein vom Zweck her gesehen, eigentlich hätten. Eine solche Verzweckung der Mitte, die sie unbeweglich macht, muss es nicht nur in rechtradikalen Bewegungen geben. Hätte die Klimaschutzbewegung der schwedischen Schulkinder den gleichen Zulauf, wenn ihre Demonstrationen außerhalb der Schulzeit stattfänden? Könnte sie zu Sonntagsdemonstrationen übergehen, ohne zu schrumpfen?

          Andererseits hat die Bewegung hierin die Basis, ihre Zwecke auszutauschen und sich, unter Erhalt des Dagegenseins und seiner Stilmittel, neuen Themen und neuen Gegnern zuzuwenden, wann immer dies sinnvoll dünkt. Wer weiß, ob die Bewegung der schwedischen Schüler nicht unter Beibehaltung des Absentismus sogar auf das Klimaschutzziel würde verzichten können?

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