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Zukunft des Christentums : Und die Kirche bleibt doch im Dorf

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Am Ende, wenn es ruhig um die Menschen wird, kommen viele zurück zum Glauben – zumindest wenn es um das Thema Beerdigung und ewiges Leben geht. Bild: Stefan Hofmann

Ein säkulares Bedürfnis nach religiöser Bestimmung beschäftigt viele Menschen: Wo gehe ich hin, wie werde ich beerdigt? Dem Christentum sichern diese ewigen Fragen jedenfalls die Existenz.

          In der modernen Gesellschaft verändert sich der gesellschaftliche Stellenwert von Religion. Säkularisierung heißt aber nicht, dass die Religion verschwindet. Tatsächlich verringert sich die religiöse Prägung einiger Handlungsbereiche, wie zum Beispiel der Politik oder der Wirtschaft. Doch niemand würde bestreiten, dass die Religion trotzdem einen Platz in der Gesellschaft hat.

          Selbst der Mitgliederschwund der Kirchen ist kein Indikator für ein Ende der Religion. Vielleicht ist der Glaube nach wie vor stark, aber die Neigung, Kirchensteuer zu zahlen, eher schwach ausgeprägt. Umgekehrt wäre großer Zulauf zu den Gottesdiensten kein Beleg für intensive Bekenntnisse. Ob man in die Kirche geht, kann von anderen Motiven abhängen, von der unterhaltsamen Predigt zum Beispiel oder von der Öde des sonntäglichen Familienlebens.

          Kein mehrheitlicher Glaube im Christentum

          Es ist also gleichermaßen schwierig, von äußeren Indikatoren auf innere Überzeugungen zu schließen, wie umgekehrt. Von dieser Beobachtung geht auch Heiner Meulemann in einer aktuellen Veröffentlichung aus. Er räumt erst einmal auf mit dem Eindruck, viele Christen seien gläubig, kehrten aber der Kirche und ihren Ritualen den Rücken zu. Im Gegenteil, fiel doch in den letzten Jahrzehnten die Abkehr von der Kirche in Deutschland geringer aus als der Abschied vom Glauben: Es gibt inzwischen mehr Menschen, die an kirchlichen Praktiken teilnehmen, als solche, die sich zum christlichen Glauben bekennen. Das Christentum befinde sich deshalb in einer Situation, in der es „mehrheitlich praktiziert, aber nicht mehrheitlich geglaubt“ wird.

          Jedem, der schon einmal an einem Sonntag im August und an Weihnachten die Kirche besucht hat, ist klar: Die Teilnahme an kirchlichen Praktiken variiert sehr stark – und zwar unter Mitgliedern ebenso wie unter Nichtmitgliedern. Warum aber nehmen Nichtmitglieder überhaupt an kirchlichen Ritualen teil? Meulemann führt dies auf ein Rahmungsbedürfnis für lebensgeschichtliche Übergänge zurück: Neben der Taufe gehören daher Trauungen und Beerdigungen zu den am häufigsten nachgefragten Diensten der Kirche.

          Wird noch aus christlichen Gründen christlich beerdigt?

          Riten für lebensgeschichtlich einmalige Ereignisse werden in der katholischen Kirche als Kasualien bezeichnet. Unter ihnen nimmt die Beerdigung insofern eine Sonderstellung ein, als ihre Form zwar vom Betroffenen gewählt werden kann, er oder sie selbst aber nicht mehr zum Publikum zählt. Mit dem Tod leben muss nicht der Gestorbene, das müssen die Überlebenden. Zu den wichtigen Leistungen jeder Religion für die Gemeinschaft gehören daher Übergangsriten für den Umgang mit dem Tod. Befragungen bestätigen, dass die Beerdigung – vor Taufe und Hochzeit – den Deutschen als die wichtigste Kasualie gilt.

          Es ist allerdings die Frage, inwiefern die christliche Beerdigung überhaupt noch aus Glaubensgründen gewählt wird oder weil man es eben so macht. Ob die kirchliche Bestattung ein religiöses Bekenntnis impliziert oder ob sie eine von ihren religiösen Fundamenten fast schon unabhängig gewordene Kulturpraxis geworden ist, kann nur auf Umwegen untersucht werden, weil nirgendwo erhoben wird, warum sich Personen für oder gegen sie entscheiden.

          Die Daten der Bevölkerungsumfrage ALLBUS erlauben es immerhin, einerseits den Wunsch nach einer christlichen Beerdigung und andererseits die Kirchenbindung zu prüfen und miteinander in Beziehung zu setzen. Insbesondere die Stellung zu den Kirchen lässt sich differenziert erfassen: Man kann einerseits motivierte, also überzeugt praktizierende oder lediglich habituelle Mitglieder unterscheiden, andererseits motivierte, dezidiert religionsskeptische und habituelle Nichtmitglieder. Es zeigt sich, dass die Kirchenmitgliedschaft im Vergleich zur Glaubensüberzeugung und auch zur aktiven Teilnahme den höchsten Einfluss auf den Beerdigungswunsch hat.

          Trittbrettfahren ins Jenseits

          Nicht die Praxis oder der Glaube, sondern die Zugehörigkeit motiviert also in erster Linie den Wunsch, kirchlich bestattet zu werden. Dies zeigt der Vergleich derjenigen Personen, die weder für noch gegen den christlichen Glauben stark motiviert sind: Unter jenen, die trotz geringer Überzeugung Kirchenmitglied sind, ist der Wunsch weiter verbreitet als unter den Nichtmitgliedern. Doch auch bei den Nichtmitgliedern reicht bereits das Fehlen einer starken Religionsskepsis aus, um eine kirchliche Beerdigung wünschenswert erscheinen zu lassen.

          Man könnte den Wunsch der Nichtmitglieder nicht nur für widersprüchlich halten, sondern sogar für eine Form des Trittbrettfahrens ins Jenseits: Man vermeidet die Kosten der Mitgliedschaft, nimmt aber dennoch die Dienste der Kirche in Anspruch. Indem sie Kirchendienste wahrnehmen, so Meulemann, tragen die Nichtmitglieder zur Tradierung der christlichen Kultur bei, ohne selbst einen religiösen Nutzen davon zu haben. Das „säkulare Bedürfnis nach Rahmung“ sichert so dem Christentum seine Existenz – allerdings immer mehr als Kultur und immer weniger als Religion.

          Heiner Meulemann (2018): „Wünschen Sie eine Beerdigung durch die Kirche? Kasualien als kulturelles Residuum nach der Säkularisierung in Deutschland 1982-2012“, Soziale Welt 69 (1), 33-63.

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