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Soziale Systeme : Äußerliche Gefühle

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Lichter, Klänge, andere Menschen: Viele Gefühle werden von außen beeinflusst und Stimmungen wie hier bei der „Cathedral of Light“ im Rahmen des Lichterfestes in den Kew Gardens, London, konstruiert. Bild: dpa

Über die Stimmung schweigt, wer sie erhalten möchte. Denn sie ist keineswegs nur Sache des Einzelnen, sondern auch oft das Produkt gründlichster Planung und Gruppendynamiken. Und manchmal bricht sie über uns herein wie ein Regenschauer.

          Gefühle sind individuell, aber sie entstehen oft in sozialen Situationen. Wenn die eigenen Gefühle von denen anderer Personen abhängen, handelt es sich offensichtlich um einen sozialen Sachverhalt. Der Enthusiasmus im Fußballstadion ebenso wie die feierliche Atmosphäre in einem Gottesdienst müssen zwar individuell erlebt werden, gewinnen ihre Intensität aber aus ihrem kollektiven Charakter. Dazu ist es nicht nötig, dass die Emotionen der Zweck des Handelns sind, und auch nicht, dass über sie geredet wird. Sie stellen sich auch – und oft sehr viel erfolgreicher – dann ein, wenn sie weder Handlungsziel noch Kommunikationsthema sind.

          In einem aktuellen Aufsatz macht die Bielefelder Soziologin Charlotte Renda den Vorschlag, die emotionale Dimension sozialer Situationen mit dem Begriff der „Stimmung“ zu beschreiben. Er hat einerseits den Vorteil, den alltäglichen Sprachgebrauch aufzunehmen, indem er sowohl individuelle als auch kollektive Gefühlslagen bezeichnet. Andererseits lässt sich der Begriff so eingrenzen, dass der soziale Aspekt in den Vordergrund tritt.

          Äußere Gefühle als unkontrollierbarer „Regenschauer“

          Alternative Begriffsangebote, wie zum Beispiel „kollektive Emotionen“, orientieren sich primär am Modell der Ansteckung: Soziale Effekte ergeben sich aus dem Gleichklang individueller Gefühlslagen. Das kann die Euphorie eines Fußballstadions sein, aber auch die Hysterie einer Massenpanik. Dies sind interessante, aber doch besondere Fälle. Sie schließen aus, dass Emotionen mehr oder weniger unabhängig von individuellen Einstellungen der Situation als solcher zugerechnet werden. Aber der Weihnachtsmarkt wird auch dann als „festlich“ wahrgenommen, wenn es den Standbesitzern nur um den Profit und nicht um weihnachtliche Gefühle geht und einige Besucher sowieso nichts mit dem Trubel anfangen können.

          In solchen Fällen muss man sich Stimmungen als „äußerliche Gefühle“ vorstellen. Sie ergeben sich nicht aus den Gefühlsregungen des Individuums und sind auch nicht von der Zustimmung oder Ablehnung Einzelner abhängig. Man kann in die Atmosphäre einer Situation hineingeraten wie in einen Regenschauer, wenn man beispielsweise unvorbereitet mit „dicker Luft“ konfrontiert wird. Die Stimmung kann also bereits vorhanden sein, wenn man in eine Situation eintritt. Sie kann aber auch vor Zustandekommen der Situation antizipiert und dadurch im Modus einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung herbeigeführt werden.

          In jedem Fall wird Stimmung wirksam dadurch, dass der Situation – und nicht den Individuen – eine emotionale Färbung zugeschrieben wird. Ob „dicke Luft“ oder „super Stimmung“ – sie entsteht zwischen den Beteiligten, wird deshalb als sozialer Sachverhalt empfunden und der Situation oder auch der Gruppe zugeschrieben. Obwohl die Stimmung prinzipiell thematisiert werden kann, wird sie zu einem wesentlichen Teil durch Wahrnehmung getragen. Man tut in der Regel gut daran, sich auf die richtige Interpretation von Sinneseindrücken zu verlassen und stillschweigend Konsens zu unterstellen. Spricht man die Stimmung an, besteht einerseits das Risiko, dass andere widersprechen, andererseits kann bereits der Versuch einer Verbalisierung die Stimmung sabotieren – man stelle sich einen romantischen Abend vor, der ständig als solcher gepriesen würde.

          Durchdachte Stimmungsmacher

          Allzu offensive Stimmungsmache ist suspekt, weil Stimmungen im Prinzip erlebt und nicht herbeigeführt werden wollen. Dennoch gibt es erwartbare Stimmungen, die zum Beispiel durch geeignete Symbole oder durch räumliche und architektonische Ordnungen vorgezeichnet werden. Kerzenlicht und Rosen symbolisieren Erwartungen, die dann nicht gesondert mitgeteilt werden müssen. Auch in der Architektur drückt sich oft bereits aus, welche Stimmung zu erwarten ist: Der Schall- und Blicktrichter eines Fußballstadions befördert eine auf ein gemeinsames Aufmerksamkeitsobjekt fokussierte Emotionalität, während eine verwinkelte Wellness-Landschaft Entspannung und Zerstreuung suggeriert.

          Ein Problem geplanter Atmosphären ist, dass sie eine Konsistenz der Symbole anstreben, die Abweichungen umso deutlicher hervortreten lässt. In der Kirche stören auf einmal die Kinder, weil sie nicht stillsitzen können. Und am Weihnachtsmarkt fällt der Stand aus dem Rahmen, der nicht handgedrechselte Holzschalen, sondern Laserschwerter verkauft.

          Eine spontan „emergierende“ Stimmung hat dagegen den Vorteil, dass Inkonsistenz ihr nicht schaden muss: Auch in objektiv bedrohlicher Lage kann ein guter Witz die Stimmung retten. Es ist möglich, dass durch die spontane Stimmung eine gänzlich neue Deutung der Situation angebahnt wird, etwa wenn es in einem Gespräch unter Kollegen zu „knistern“ beginnt und dadurch der berufliche Rahmen der Unterhaltung in Frage gestellt wird. Solche Akzentverschiebungen setzen voraus, dass die Atmosphäre gerade nicht als Gegenstand strategischen Handelns wahrgenommen wird. Wer auf eine bestimmte Stimmung aus ist, behält diesen Wunsch besser für sich.

          Renda, Charlotte (2018): Einige Überlegungen zu Stimmung als situationssoziologischer Kategorie. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (online first). DOI: 10.1007/s11577-018-0574-2.

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