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Soziale Normen : Das große Maskenspiel

  • -Aktualisiert am

Hinweisschilder zur Maskenpflicht in der Schweriner Innenstadt Bild: dpa

Die Corona-Pandemie stellt noch einmal die Frage, warum wir Normen befolgen. Der Soziologe Andreas Diekmann beantwortet die Frage mit der Spieltheorie.

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          Am Münchner Hauptbahnhof brachte eine 74-Jährige bei einer Kontrolle durch die Bundespolizei eine originelle Begründung dafür vor, keinen Mund-Nasen-Schutz zu tragen: Sie verwies auf Psalm 91, welcher der Christin den Schutz Gottes auch vor der „verderblichen Pest“ in Aussicht stellt. Von einer Maske ist dort nicht die Rede. Die Beamten konnten dies freilich nicht als befreiendes Attest anerkennen und verhängten aufgrund der Uneinsichtigkeit eine Geldbuße. Der Dame erschien die neue Verhaltensnorm offenbar als eine Zumutung.

          Mit der Auffassung, dass staatliche Regeln, aber auch andere soziale Normen nerven können, ist sie nicht allein. Der Soziologe Ralf Dahrendorf bezeichnete aus diesem Grund die Gesellschaft einmal als eine „ärgerliche Tatsache“: eine Tatsache, weil man sie nicht einfach wegwünschen kann, und eine ärgerliche, weil sie uns mit normativen Erwartungen konfrontiert, die unser Handeln einschränken.

          Angesichts des Zumutungscharakters vieler Normen stellt sich die Frage, warum Individuen sich an sie halten. Sanktionen machen Zuwiderhandlungen kostspielig und entmutigen sie dadurch. Aber viele Normen kommen ohne derartige Sanktionen aus und werden trotzdem befolgt. In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag stellt der Soziologe Andreas Diekmann die Frage, warum Konformität manchmal unproblematisch ist und manchmal nicht, mit Blick auf die Corona-Pandemie. Sie ist ein interessantes gesellschaftliches Experiment, insofern ihre Bewältigung mit neuen sozialen Normen verknüpft ist, wie zum Beispiel mit Abstandsregeln und mit dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes.

          Koordinations- oder Kooperationsspiel?

          Eine nützliche Heuristik bietet die Spieltheorie, die das strategische Handeln von Akteuren in Situationen modelliert, in denen der Erfolg einer Handlungswahl von der Entscheidung der Mitspieler abhängt. Fahre ich im Straßenverkehr rechts, habe ich am meisten davon, wenn der Gegenverkehr dies ebenfalls tut, ansonsten droht ein Zusammenstoß. Fahre ich gar nicht und schütze dadurch die Umwelt, hat dies nur dann einen spürbaren Effekt, von dem auch ich profitieren kann, wenn viele andere genauso handeln. Diese beiden Situationen können als unterschiedliche Formen von „Spielen“ begriffen werden: Im ersten Fall handelt es sich um ein Koordinations-, im zweiten um ein Kooperationsspiel.

          Während bei Koordinationsfragen die Interessen beider Seiten übereinstimmen, divergieren sie bei Kooperationsproblemen. Beim Straßenverkehr ist der individuelle und kollektive Nutzen am größten, wenn sich alle an die Norm halten. Beim Umweltschutz hingegen tritt ein Trittbrettfahrerproblem auf: Da die saubere Luft ein sogenanntes „Kollektivgut“ ist, fällt der Nutzen für ein Individuum unabhängig von dessen eigenem Beitrag an.

          In derartigen Situationen – zum Beispiel beim Umweltschutz, beim Entrichten von Steuern oder bei Impfungen – entsteht ein soziales Dilemma: Weil es den größten Nutzen bringt, sich selbst nicht an die Norm zu halten, solange andere dies tun, ist es rational, nicht zu kooperieren – mit der Folge, dass das Kollektivgut mangels Beiträgen nicht zustande kommt und am Ende alle schlechter dastehen.

          Kongruente Interessen

          Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, so Diekmann, stellt das Abstandsgebot eine Koordinationsregel dar, die Maskenpflicht hingegen eine Kooperationsnorm. Für diese Zuordnung spricht, dass das Abstandsgebot und zugehörige Verhaltensnormen, zum Beispiel der Verzicht auf das Händeschütteln, laut Umfragen schnell und weitgehend beachtet wurden, während das Tragen einer Maske sich erst nach entsprechenden behördlichen Anordnungen durchgesetzt hat. Da physische Distanz alle Beteiligten schützt, sind die Interessen hier kongruent. Masken hingegen wurden und werden so begründet, dass sie – zumindest die sogenannten Alltagsmasken – nicht primär die Trägerin, sondern andere Personen vor Tröpfcheninfektionen schützen. Insofern dies eine Einladung zum Trittbrettfahren darstellt, hängt das Kollektivgut von Zwang in Form einer Maskenpflicht ab.

          Diese Analyse ist insofern plausibel, als zumindest in Deutschland ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Maskenpflicht und -nutzung bestand. Eine veränderte Risikowahrnehmung und die Verfügbarkeit von Masken dürften ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Ein Vergleich mit anderen, insbesondere asiatischen, Ländern weckt aber Zweifel, ob das Maskenspiel überall eine Frage strategischer Rationalität ist.

          Dabei geht es weniger um kulturelle Unterschiede oder Mentalitäten, die auch Diekmann erwägt. Vielmehr ist die Frage, wo und wann die Maske überhaupt zum Gegenstand einer abwägenden, rationalen Entscheidung wird. Realistischer erscheint es, von einer vorgelagerten Definition der Situation („Frame-Selektion“) auszugehen: Wenn, wie in weiten Teilen Asiens, bereits bei normalen Erkältungssymptomen aus Rücksicht auf andere das Tragen einer Maske üblich ist, kommt niemand auf die Idee, ihren Nutzen ausgerechnet während einer Pandemie zu hinterfragen. Selbst angesichts neuer Probleme ist Routine manchmal ein besserer Ratgeber als Rationalität.

          Diekmann, Andreas (2020): Entstehung und Befolgung neuer sozialer Normen. In: Zeitschrift für Soziologie 49 (4), S. 236–248. DOI: 10.1515/zfsoz-2020-0021.

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