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Soziale Genderforschung : Gibt es ein Bedürfnis nach Unterwerfung?

  • -Aktualisiert am

Am internationalen Frauentag demonstrierten in Mexiko Tausende Frauen und Mädchen gegen Gender-Gewalt. Dabei wurden die Haare dieser männlichen Statue umgestylt. Bild: AP

Die Genderforschung bietet Mäklern seit jeher eine breite Angriffsfläche. Der Soziologe und Genderforscher Stefan Hirschauer antwortet seinen Kritikern. Dabei gerät wieder so einiges durcheinander.

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          Ist die soziologische Genderforschung politisch in ihren Gegenstand verstrickt? Mangelt es ihr an wissenschaftlicher Distanz, ist sie am Ende gar kein Beobachter, sondern ein Parteigänger des Feminismus? Neu sind weder diese Fragen an die Genderforschung noch deren meist routinierte Zurückweisung. Eine Kritik von Irmhild Saake und Armin Nassehi an einer Studie von Stefan Hirschauer zum Phänomen der „Ko-Schwangerschaft“ bei Paaren hat in diesem Streit jetzt eine neue Runde eingeleitet. Bemerkenswert daran sind weniger die Argumente der Kritiker als jene des Kritisierten. Hirschauer gelingt hier nämlich ein gendersoziologisches Reflexionsniveau, das man vielleicht nur als ein unbestrittener Insider erreichen kann, der gleichzeitig zu seinem Fach eine erstaunliche Distanz pflegt.

          Hirschauer erreicht das, indem er zunächst auf seine Kritiker zugeht: Ja, man könne Gender Studies gar nicht ohne irgendeinen Feminismus betreiben. Das sei tatsächlich „bedauerlich“, so Hirschauer, hindere ihn aber in keinster Weise an seiner beruflichen Distanz zum Gegenstand. Natürlich hätten die Gender Studies nicht nur eine Präferenz für die Gleichheit der Geschlechter (das reicht ihnen noch lange nicht), sondern eigentlich für das Verschwinden der Geschlechterdifferenz. Und dennoch habe er „jedes soziologische Verständnis dafür, dass Menschen sich unterordnen wollen, also eine Ungleichheitspräferenz“ haben, so Hirschauer freimütig. Auch wenn diese aus den „autoritativen Diskursen der modernen Gesellschaft“ mit Erfolg vertrieben worden sei. Soll heißen: Keine gesellschaftliche Macht (der Staat, die Kirche, die Wirtschaft) sagt mehr, dass Frauen dem Manne untertan seien und an den Herd gehörten, und sie dürften es auch nicht mehr sagen. Und dennoch, bekennt Hirschauer, hätten gerade bei der Geschlechterdifferenz „viele, wenn nicht die meisten Menschen“ eine solche Präferenz.

          Dass er für dieses Bekenntnis im „Gender-Mainstream“ keinen Applaus bekommen wird, dürfte Hirschauer klar sein. Doch auch das „egalitaristisch bemühte Selbstverständnis vieler Paare“ stünde der Einsicht gegenüber, dass gerade Paare „höchst erfolgreiche Konvertierungsmaschinen für multiple Ungleichheiten“ wären. Dass sich in der Ehe trotz des ehrlichen Bemühens der Partner um Gleichheit immer wieder durch die Hintertür der gesellschaftlichen Verhältnisse Ungleichheiten einschleichen – das kann man sicher nicht bestreiten. Aber schießt Hirschauer mit seinem Befund, dass Menschen sich unterordnen wollten und sich darum die Geschlechter eben nicht gleich wünschten, sondern verschieden, nicht übers Ziel hinaus? Was hat die Anerkennung der Ordnungsleistung der Geschlechterdifferenz mit persönlicher Unterordnung zu tun? Hier müsste Hirschauer genauer sein: Ist der Wunsch, sich unterordnen zu können, harmloser als der komplementäre Wunsch, andere sich unterzuordnen?

          Der Wunsch nach Unterwerfung

          Aber fragen wir doch empirisch: Was wollen die meisten Menschen, und was wollen die Gender Studies? Vermutlich wollen die meisten Menschen auch in der modernen Gesellschaft an der Differenz der Geschlechter festhalten. Sie wollen Männer und Frauen unterscheiden können. Auch wenn diese Unterscheidung „nur“ eine soziale Konstruktion ist, wie die Genderforschung ja nicht müde wird zu betonen. Sie wollen aber trotzdem, dass ihnen niemand die Evidenz und enorme Ordnungsleistung dieser Differenz in ihrem Alltag abstreitet. Sie im Sinne Niklas Luhmanns „modern“ zu nutzen heißt für die meisten, aus ihrer Anerkennung keine darauf beruhenden Machtungleichgewichte (mehr) abzuleiten, sondern nur unterschiedliche geschlechtliche Kompetenzen, Fähigkeiten und Zuständigkeiten. Warum sollten diese nicht machtneutral verteilbar sein zwischen Männern und Frauen? Das haben die Gender Studies noch nicht widerlegt. Dass also der Satz „Männer und Frauen sind gleich“ eine Paradoxie darstellt, weil er ja mit der Unterscheidung beginnt, die er gleichzeitig leugnet, ist bestenfalls eine soziologische Spitzfindigkeit. Im Alltag moderner Gesellschaften dagegen regt sich inzwischen bei den meisten Menschen ein Widerstand gegen die egalitaristischen Auswüchse der Gender Studies, weil deren Fixierung auf letzte Ungleichheitsreste zwischen den Geschlechtern nicht anerkennen will, dass aus biologisch genannten Geschlechterunterschieden alltagsweltlich keine Machtunterschiede folgen müssen. Im Grundgesetz steht schließlich nicht zufällig, Männer und Frauen seien gleichberechtigt.

          Es ist auch nicht verwerflich, wenn sich Genderforscher für Männer interessieren, die sich schon ko-schwanger fühlen können. Aber ist das nicht ein rein privates Empfinden dafür sensibilisierter Körper ohne Relevanz für die Öffentlichkeit moderner Gesellschaften? Bilden ko-schwangere Männer die Avantgarde der Gleichberechtigung? Oder sind sie nicht vielmehr nur soziologisch faszinierende Virtuosen einer gesteigerten Selbstempfindung, die mehr mit künstlerischer Kreativität als sozialer Lebenslage zu tun hat?

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