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Stereotypendenken bei Kindern : Jungs sind schlauer - so einfach ist das?

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An den Schulnoten liegt es wohl nicht, dass sich geschlechtsspezifische Stereotypen schon früh bei Kindern festsetzen. Bild: Picture-Alliance

Bereits sechsjährige Mädchen trauen dem anderen Geschlecht mehr zu. Die Gründe liegen im Dunkeln, an der Schule liegt es wohl nicht. Doch die aktuelle Studie hat auch Schwächen.

          Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören. Viele werden diese Geschlechter-Stereotype noch im Ohr haben, weil sie durch ein Buch populär gemacht worden sind. Geschlechter-Stereotype schreiben Männern und Frauen nur wegen ihres Geschlechts gewisse Eigenschaften und Verhaltensweisen zu. Ein weiteres Vorurteil lautet: Männer sind brillanter als Frauen.

          Die Psychologin Lin Bian von der Universität Illinois und ihre Kollegen von der New York University zeigen in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Science“, dass sich diese vorgefasste Meinung offensichtlich schon recht früh in den Köpfen von Kindern festsetzt. So brächten Mädchen bereits im Alter von sechs Jahren „Brillanz“ eher mit Männern in Verbindung als mit ihrem eigenen Geschlecht. In diesem Alter beginnen die Mädchen auch solche Aktivitäten zu meiden, für die man angeblich „sehr, sehr klug“ sein muss, was Bians als kindgerechte Beschreibung für Brillanz genutzt hat.

          Die Psychologen vermuten, dass diese frühe stereotype Zuordnung von Brillanz zum männlichen Geschlecht den Ehrgeiz der Mädchen beeinflusst. Wer möchte sich schon abmühen, wenn das Risiko, hinter den vermeintlich klügeren Jungen und Männern zurückzubleiben, als groß gilt. Fakt ist, dass Frauen und Mädchen zum Beispiel seltener Aufgaben übernehmen, die erhebliche Kompetenzen in Mathematik oder Physik verlangen. Sechs und sieben Jahre alte Mädchen wissen allerdings sehr wohl, dass sie eher diejenigen sind, die in der Schule überzeugen. Erfolg im Unterricht und Klugheit werden von den Mädchen also nicht als ein und dasselbe betrachtet.

          Die kluge Hauptperson der Erzählung

          Bian und ihre Kollegen haben mit vierhundert Kindern im Alter von fünf, sechs und sieben Jahren gearbeitet und für die einzelnen Teiluntersuchungen unterschiedlich große Stichproben gebildet. Bei der ersten Untersuchung wurde den Kindern eine Geschichte vorgelesen, deren Hauptperson „sehr, sehr klug“ war. Allerdings enthielt die Geschichte keinerlei Hinweise auf deren Geschlecht. Nach dem Ende der Geschichte wurden den Kindern vier Fotos mit gleichermaßen intelligent und freundlich aussehenden Personen vorgelegt.

          Zwei Fotos zeigten zwei Frauen und zwei Männer. Die Kinder sollten sagen, wer von diesen vier Personen wohl am ehesten die Hauptperson aus der Geschichte gewesen sein könnte. Fünf Jahre alte Mädchen und Jungen entschieden sich für jemanden ihres eigenen Geschlechts. Sechs und sieben Jahre alte Mädchen hielten eher einen der beiden Männer für die äußerst kluge Hauptperson der Geschichte. Die Jungen wählten eher einen ihrer Geschlechtsgenossen.

          Das Stereotyp von der männlichen Brillanz

          Im nächsten Schritt prüften die Psychologen die Bereitschaft der Kinder, sich auf neue Spiele einzulassen. Für ein Spiel sollte man besonders schlau sein, für das andere Spiel sollte man bereit sein, äußerst hart zu arbeiten. Mit fünf Jahren zeigten die Mädchen noch Interesse an dem Spiel für vermeintlich Kluge, mit sechs und sieben Jahren wichen sie eher aus, hatten allerdings Interesse an dem Spiel, bei dem man besonders hart arbeiten musste. Bei den sechs- bis siebenjährigen Jungen war es genau umgekehrt. Sie zeigten Interesse an dem Spiel für Kluge, aber nicht an dem anstrengenden Spiel.

          Warum sich Mädchen zwischen fünf und sechs Jahren das Stereotyp von der männlichen Brillanz zu eigen machen, können Lin Bian und ihre Kollegen nicht sagen. Nur so viel: Der Blick auf die schulischen Leistungen fördert diese Zuschreibung nicht. Fragt man die Mädchen, wer die besseren Noten in der Schule hat, wählen sie ihre Geschlechtsgenossinnen.

          Die Untersuchung von Lin Bian und ihren Kollegen lässt eine früh einsetzende Wirkung dieses Geschlechter-Stereotyps erkennen. Allerdings hat diese Studie auch Schwächen. Die Psychologen haben vorwiegend mit Kindern aus der amerikanischen Mittelschicht und weißer Hautfarbe gearbeitet. Zudem waren die Stichproben zum Teil klein. Ihre Studie sollte mit mehr Kindern und mit Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten und ethnischen Gruppen wiederholt werden, fordern die Kritiker. Vielleicht reagieren Mädchen aus privilegierten Milieus ganz anders. Das wäre dann allerdings auch ein interessanter Befund.

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