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Soziale Systeme : Wer hat, dem werde genommen

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Auch die Ausstattung staatlicher Schulen bemisst sich nach dem Sozialindex. Bild: dpa

Die Ausstattung staatlicher Schulen bemisst sich auch nach dem Sozialindex. Eine rundum gute Idee?

          Für die meisten Schulanfänger dürfte die Entscheidung, welche Schule sie besuchen werden, bereits gefallen sein. Je nach Bundesland haben entweder die Eltern oder der Wohnort („Sprengelprinzip“) entschieden. In beiden Fällen dürften viele Eltern sich gefragt haben, ob es denn die „richtige“ Schule für ihr Kind sei. Bei dieser Frage spielen viele Faktoren eine Rolle: pädagogisches Konzept, Klassengröße, Ausstattung und natürlich das soziale Umfeld.

          Vor allem der zuletzt genannte Gesichtspunkt stellt für die Schule und die Schulverwaltung ein Problem dar. Wo die Schule steht und wer dort wohnt, kann von ihr nicht kontrolliert und gesteuert werden. Gleichzeitig ist klar, dass es einfache und schwierige Umwelten gibt. Ob die Kinder die deutsche Sprache beherrschen oder ob die Eltern Zeit haben, die Hausaufgaben zu prüfen, beeinflusst nicht nur die Bildungschancen der Kinder, sondern auch die Chancen, sinnvoll unterrichten zu können.

          Die zuständigen Verwaltungen haben also Gründe, sich über die Umwelt der Schulen zu informieren. Dies geschieht immer häufiger in Form einer speziellen Statistik: Jeder Schule wird ein „Sozialindex“ zugeordnet, der die soziale Lage ihres Einzugsgebiets widerspiegelt. Anhand eines Skalenwerts können Schulen dann verglichen und in eine Rangfolge gebracht werden.

          Es gibt unterschiedliche Ansätze, den Sozialindex zu berechnen, die teilweise auf vorhandene Daten, teilweise auf eigene Erhebungen zurückgreifen. Genutzt werden Daten über das Einzugsgebiet, wie zum Beispiel Bevölkerungs- und Arbeitsmarktstatistik, Daten der Schule und Angaben von Eltern und Schülern.

          Vor allem in Hamburg gibt man sich nicht nur viel Mühe, den Sozialindex zu berechnen, sondern zieht aus ihm auch recht weitreichende Schlussfolgerungen. In der Hansestadt begnügt man sich nicht, wie beispielsweise in Hessen und Nordrhein-Westfalen, mit einer Aufbereitung vorhandener statistischer Daten auf der Ebene einzelner Schulbezirke. Man ergänzt diese durch die Befragung von Schülern und Eltern und erhält so ein recht detailliertes Profil der Population.

          Erhoben werden neben dem obligatorischen Migrationshintergrund und üblichen Variablen der Sozialstatistik, wie Haushaltseinkommen und Bildungsabschlüsse der Eltern, auch einige Daten, die das in der Ungleichheitsforschung populäre Konzept der „Kapitalausstattung“ operationalisieren. Die Statistiker folgen damit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der zwischen ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital unterscheidet. Damit bezeichnet er unterschiedliche Ressourcen, mit denen Ziele erreicht werden können. Neben der ökonomischen Lage bestimmten Bildung und soziale Beziehungen die individuellen Lebenschancen.

          In der Sozialindex-Erhebung werden diese drei Formen von Kapital anhand verschiedener Daten erfasst. Das ökonomische Kapital bemisst sich am Einkommen und an der Schichtzugehörigkeit der Eltern, aber auch daran, ob das Kind ein eigenes Zimmer hat. Für das soziale Kapital wird zum Beispiel berücksichtigt, ob das Kind mit Klassenkameraden spielt und ob die Eltern es für gute Noten loben. Auch beim kulturellen Kapital werden offensichtliche Indikatoren wie Bildungsabschlüsse der Eltern mit weniger auf der Hand liegenden kombiniert: Die Zahl der Bücher zu Hause sowie gemeinsame Besuche im Museum führen hier zu Pluspunkten.

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          Diese und weitere Daten werden zusammengefasst und so standardisiert, dass jeder Schule ein Wert zwischen 1 (stark belastete soziale Lage) bis 6 (bevorzugte soziale Lage) zugewiesen wird. Nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Eltern und Schüler können daran ablesen, ob an der Schule eher wohlhabende Familien mit vielen Büchern, die oft ins Museum gehen, oder Geringverdiener ohne Lektüre, die statt ins Museum vielleicht in den Tierpark gehen, zu finden sind.

          Für die Schulen in Hamburg hat die Einstufung durchaus Folgen, da Mittelzuweisungen von ihr abhängen. Eine Schule in „belasteter“ sozialer Lage bekommt mehr Personal und kann kleinere Klassen bilden. Damit wird das Ziel der „kompensatorischen Erziehung“, das Unterschiede des Anfangs auszugleichen versucht, auf die Institution selbst ausgeweitet. Es gilt nicht mehr das Matthäus-Prinzip („Wer hat, dem wird gegeben“), sondern das der Umverteilung.

          Wie bei vielen wohlfahrtsstaatlichen Programmen kann die gute Absicht nicht geleugnet werden. Die Folgen sind jedoch unklar. Wie werden Schulen und Eltern sich auf diese Form der Steuerung einstellen? Sollen Eltern den Sozialindex bei der Schulwahl berücksichtigen? Schicken sie ihr Kind dann dorthin, wo die Ausstattung der Eltern am besten ist, oder dorthin, wo die Schule die besseren Ressourcen hat und die Klassen kleiner sind? Wird es für Schulen interessant, Schüler aus schwierigen sozialen Verhältnissen zu werben, nur um ihre Ressourcen zu verbessern? Es bleibt jedenfalls offen, ob das Ziel, die Bedingungen für alle zu verbessern, sich auf diese Weise erreichen lässt.

          Bernd Groot-Wilken, Kevin Isaac, Jörg-Peter Schräpler (Hg.): „Sozialindices für Schulen. Hintergründe, Methoden und Anwendung“, Waxmann, Münster/New York 2016.

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