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Scholastik : Von wegen Engel auf Nadelspitzen

Intelektuelle Bettelmönche: Albertus Magnus (links) und Johannes Duns Scotus. Die Portraits schuf der fämische Maler Justus van Gent um das Jahr 1475 für den Palazzo Ducale in Urbino. Bild: Art Archive / FOTOFINDER.COM

Bevor er mit dem Papst aneinandergeriet, knöpfte sich Martin Luther die Scholastiker vor. Bis heute haben diese mittelalterlichen Philosophen ein denkbar schlechtes Image. Doch was lehrten und wollten sie wirklich?

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          Selbst an eine Kirchentür genagelt hat er sie wohl nicht. Vielmehr verschickte der Wittenberger Theologieprofessor und Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel am 31. Oktober 1517 an seinen Erzbischof und andere Theologen. Letztlich führte dieser Akt zum Zerwürfnis mit dem Papst und in der damaligen politischen Situation Mitteleuropas am Ende zur Kirchenspaltung, die sich verfestigte, obwohl der Ablasshandel päpstlicherseits bald abgeschafft und 1570 verboten wurde. Aber um das Ablasswesen ging es ohnehin nur vordergründig. Was Luther – zumindest am Anfang – wirklich umtrieb, das geht aus einem anderen, hundert Thesen umfassenden Positionspapier hervor, das er zwei Monate zuvor verfasst hatte und mit dessen Verteidigung ein Student von ihm am 4. September 1517 seinen ersten theologischen Abschluss erlangte, in der „disputatio contra scholasticam theologiam“.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gegen die scholastische Theologie ging es, namentlich gegen Johannes Duns Scotus (1266 bis 1308), William of Ockham (1288 bis 1347) und Gabriel Biel (1415 bis 1495). Indem diese Denker dem Menschen einen freien Willen zuerkannten und damit die Möglichkeit, sich für das Gute zu entscheiden, schmälerten sie in Luthers Augen die Heilsmacht Gottes, dessen Gnade allein den Menschen vom Bösen befreien könne. „Wir werden nicht zu Gerechten, indem wir Gerechtes tun“, lautet eine der hundert Thesen, „sondern weil wir gerecht gemacht wurden, tun wir Gerechtes – entgegen dem, was die Philosophen behaupten.“ Gemeint waren besagte Philosophen der Scholastik und der alte Grieche Aristoteles, auf dessen Werken sie aufbauten.

          Jahrhunderte mit Imageproblem

          Aber der Reformator ist nicht allein. In der Neuzeit ist das Ansehen der Scholastik in den verschiedensten Kreisen und aus den verschiedensten Motiven bis fast ins Bodenlose gesunken. Die Humanisten bemäkelten das hölzerne Latein der meisten scholastischen Texte, und zu Beginn des 19. Jahrhunderts beklagte ausgerechnet Hegel, wie „schrecklich geschrieben und voluminös“ die mittelalterliche Philosophie doch sei. Naturwissenschaftler werfen der Scholastik gerne ein gestörtes Verhältnis zur Empirie vor und die Denker der Aufklärung eine ungebührliche Nähe zur Theologie und Anhänglichkeit an Autoritäten wie der Bibel, den Kirchenvätern und eben Aristoteles.

          Doctor angelicus: Thomas von Aquin, der bis heute einflussreichste aller Scholastiker wird - wie einige seiner Fachkollegen - als Heiliger verehrt

          Obendrein geriet die Scholastik in den Ruf, mit Spitzfindigkeit Fragen nachzugehen, die es ohne sie gar nicht gebe. Zum festen Inventar abendländischer Halbbildung ist jenes „Scholastikerproblem“ geworden, dem Christian Morgenstern ein gleichnamiges Gedicht widmete: „Wieviel Engel sitzen können/ auf der Spitze einer Nadel –/ wolle dem dein Denken gönnen,/ Leser sonder Furcht und Tadel!/ »Alle!« wird’s dein Hirn durchblitzen./ »Denn die Engel sind doch Geister!/ und ein ob auch noch so feister/ Geist bedarf schier nichts zum Sitzen.«/ Ich hingegen stell den Satz auf/ Keiner! – Denn die nie Erspähten/ können einzig nehmen Platz auf /geistlichen Lokalitäten.“

          Das ist formal eine Karikatur und inhaltlich eine Legende. Eine Erörterung von Engeln auf Nadelspitzen findet sich in keinem scholastischen Werk, sondern ist zuerst in dem frühneuhochdeutschen Traktat „Schwester Katrei“ aus dem 14. Jahrhundert nachweisbar, der ironischerweise lange dem Mystiker Meister Eckhart (1280 bis 1328) zugeschrieben wurde, wobei die Ironie darin liegt, dass die Mystik gerne als eine menschenfreundlichere, weil individueller „Innerlichkeit“ verschriebene Gegenbewegung zur verkopften und kirchenhörigen Scholastik gesehen wird. Immerhin wurden einige der Lehren Eckharts als häretisch verurteilt, und im Unterschied zu den anderen großen Scholastikern wie Albertus Magnus (1200 bis 1280), Bonaventura (1221 bis 1274) und Thomas von Aquin (1225 bis 1274) wurde Meister Eckhart nie heilig- oder auch nur seliggesprochen.

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