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Kinder und digitale Medien : Handy statt Bilderbuch

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Welchen Sinn macht es zum Beispiel, Online- und Offline-Zeiten festzulegen? Ein bloßes Verbot digitaler Medien lehnen die weitaus meisten Pädagogen und Psychologen unisono ab. „Es muss uns gelingen, das Digitale so ins Analoge zu integrieren, dass digitale Anwendungen genutzt werden, ohne dass mögliche Schäden entstehen können“, sagt Riedel, der dafür plädiert, Kindern auch jenseits sozialer Medien wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die Jugend- und Familienberatungen „no zoff“ in der Schweiz empfehlen, Kindern unter drei Jahren überhaupt keine Bildschirmzeit zu gewähren. Kinder bis sechs Jahre sollten höchstens eine halbe Stunde täglich digitale Medien nutzen und dabei von einem Erwachsenen begleitet werden. Bis zu neun Jahren werden maximal fünf Stunden pro Woche, bis zu zwölf Jahren maximal sieben Stunden empfohlen. „Das ist deutlich strenger als bei uns. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der deutschen Studie wäre zu prüfen, welche digitalen Mediennutzungszeiten für Kinder zu empfehlen sind“, sagt Riedel. Laut BLIKK-Studie nutzen bereits siebzig Prozent der Kita-Kinder das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich.

Viele Eltern sind im Umgang mit Smartphones kein gutes Vorbild

Auf welche Weise könnte das die Gesundheit beeinflussen? Unter anderem durch bewegte Bilder in schneller Folge. Diese Reizfrequenz erfordert eine hohe Konzentration bei der Betrachtung. Werden Kinder in einem Alter, in dem sich Sprache und Motorik, also zentrale neuronale Netzwerke, erst ausbilden, regelmäßig mit digital generierten Reizen überflutet, könnte sich das auf ihre Entwicklung auswirken. Auch das Lernverhalten könnte sich verändern. „Möglicherweise verlieren die Kinder dann die Freude an der Beschäftigung mit analogen Medien, zum Beispiel beim Anschauen eines Bilderbuches, da sie hier die digitale Animation vermissen“, sagt Riedel.

Doch wer eine kluge Smartphone-Nutzung lehren und vorleben soll, muss sie selbst beherrschen. Genau damit sind viele Eltern überfordert. Und sie wissen das auch. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Studie, die das JFF-Institut für Medienpädagogik in München vergangenes Jahr veröffentlicht hat. „Wir haben mit Eltern von Acht- bis 14-Jährigen und mit Fachkräften in der Erziehungsberatung gesprochen und das klare Signal bekommen: Eltern können ganz oft nicht mithalten mit ihren Kindern in Sachen digitale Medien, ihnen fehlt das Wissen über Entwicklungen in diesem Medienbereich“, sagt Susanne Eggert von der Abteilung Forschung des JFF. Hinzu komme, dass sich die Smartphone-Nutzung schwer kontrollieren lasse, weil das Handy ein sehr persönliches Gerät sei und eine Restriktion hier auch aus der Sicht vieler Eltern in die Privatsphäre der Kinder und Jugendlichen eingreift.

Den eigenen Medienumgang überdenken

Noch mangelt es generell an Erfahrungswissen mit digitalen Medien. „Jede Familie ist gezwungen, ihre eigenen Regeln aufzustellen“, sagt Eggert, „und diese konkurrieren mit den anderen Regeln in anderen Familien. Welche sind besser? Wer kann das sagen?“ Medienpädagogen sehen ihre Aufgabe verstärkt darin, Eltern dazu zu bringen, sich mit der eigenen Nutzung digitaler Medien auseinanderzusetzen. Mama und Papa müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie unter ständiger Beobachtung stehen und bis mindestens zum Beginn der Pubertät eine Vorbildfunktion für ihre Kinder haben. Die ganz Kleinen ahmen einfach nach, die Größeren wollen das tun, was die Eltern machen. Und wenn die eben alle vier Minuten aufs Smartphone gucken, dann übernimmt der Nachwuchs das genau so.

Das JFF erarbeitet Programme und Materialien für Workshops, in denen Eltern ihren eigenen Medienumgang reflektieren lernen. Und sie erfahren gleichzeitig von neuen Möglichkeiten der digitalen Welt. „Für viele Eltern ist ein Smartphone etwas, mit dem man kommuniziert und das man allenfalls noch rezeptiv nutzt“, sagt Eggert. Dass sie das Gerät auch kreativ oder zu pädagogischen Zwecken einsetzen können, sei ihnen oft nicht klar.

Während die vom JFF befragten Eltern meist freimütig einräumten, dem Thema digitale Medien und dem Umgang damit hilflos gegenüberzustehen, zeichnet die BLIKK-Studie ein anderes Bild. Auf die Frage, ob sie eine Beratung zur Handy- und Internetnutzung ihrer Kinder gut fänden, antworteten neunzig Prozent der Eltern mit Nein. Für sie ist der digitale Familienalltag offenbar kein Problem. Die Ergebnisse der Studie lassen vermuten, dass sie mit dieser Einschätzung nicht ganz richtig liegen.

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