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Benjamin und Panofsky : Es gilt, was steht

Die Erstausgabe von Walter Benjamins Buch. Im Wallstein Verlag hat Ronald Reuß jetzt eine Faksimile-Ausgabe herausgegeben. Bild: Ernst Rowohlt Verlag

Warum hat Walter Benjamin den Namen von Erwin Panofsky falsch geschrieben? Roland Reuß, der Philologe des i-Tüpfelchens, treibt seine Methode auf die Spitze.

          3 Min.

          Das letzte bisschen, das zum Gelingen noch fehlt, nennt man i-Tüpfelchen. Roland Reuß, der Heidelberger Editionswissenschaftler, hat ein solches i-Tüpfelchen soeben im verminten Feld der Walter-Benjamin-Philologie zu setzen versucht. Es ist das Tüpfelchen auf die lange Geschichte der ein ums andere Mal verschleppten Drucklegung von Benjamins Trauerspielbuch, das schließlich Anfang 1928 bei Ernst Rowohlt erschien.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht umsonst, sagt Reuß, habe Walter Benjamin den Namen Erwin Panofsky falsch geschrieben, nämlich mit i, als er ihn in einem Brief an Hugo von Hofmannsthal vom 24. November 1927 wie folgt erwähnt: „Daß Panofski dem, worum es in meiner Schrift geht, Verständnis entgegenbrächte, zumal wenn ihm ein Hinweis von Ihnen kommt, scheint mir sicher.“ Mit der „Schrift“ ist eben das Buch „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ gemeint, für dessen wohlmeinende Aufnahme Benjamin sich ins Zeug legte, indem er nicht zuletzt über Hofmannsthal auch einen Kontakt zu Panofsky und dem Warburg-Kreis suchte, was wegen der prominent im Melancholie-Kapitel vorkommenden Dürer-Studie des Autorenduos Panofsky/Saxl durchaus nahelag.

          Dass dann jedoch das Gegenteil des Erhofften eintrat, nämlich eine brüske Zurückweisung Panofskys, hält wenig später, am 30. Januar 1928, ein Brief Benjamins an Gershom Scholem fest. Tatsächlich habe Panofsky auf Hofmannsthals Vermittlungsversuch mit einem „kühlen, ressentimentgeladenen Antwortbrief“ reagiert, so dass die Sache gleichsam nach hinten losgegangen war, ohne dass man bis heute genau zu sagen wüsste, warum (Sigrid Weigel machte die „eher banalen Motive“ im Platzhirschdenken einer Gebietsverteidigung aus). Ähnlich kühl jedenfalls war Benjamin gut zwei Jahre zuvor schon von der Frankfurter Universität brüskiert worden, die ihm erfolgreich nahegelegt hatte, das Buch als Habilitationsschrift zurückzuziehen.

          Psychoanalytischer Schlüsselreiz

          Alles in allem ist es nicht abwegig anzunehmen, dass sich das blockierte Trauerspielbuch für Benjamin zeitweilig zum Psychotrip entwickelt hatte. Diese in der Benjamin-Gemeinde seit Jahrzehnten bekannte Ablehnungsgeschichte (schon in den Siebzigern hatte Wolfgang Kemp nach der versäumten Wahlverwandtschaft zwischen Benjamin und dem Warburg-Kreis gefahndet) unterfütterte Reuß vergangene Woche in der Frankfurter „Denkbar“ mit einer quasi psychoanalytischen Pointe, indem er Panofskys fälschlich eingeschriebenes i als Freud’sche Fehlleistung deutete, welche eine innere Sperre, eine Ambivalenz gegen den Namensträger selbst anzeige. In der Tat stand ja mit der Werbung um die Gunst des Warburg-Kreises für Benjamin viel auf dem Spiel, eine psychische Spannung mag sich da durchaus auch in dem irrlichternden i entladen haben.

          Als Reuß diese Spekulation dann aber in Frankfurt als eine Gewissheit, ja als einen allgemeinen Erfahrungssatz auszugeben suchte nach dem Motto: unter falsch geschriebenen Eigennamen liegt üblicherweise etwas drunter, das sei ja auch so, wenn Reuß als Reuss oder Reus präsentiert werde – da mochte die Frage wohl am Platze gewesen sein, ob eine als Ausbund der Sachlichkeit sich verstehende Editionswissenschaft hier noch ganz bei sich sei. Das letzte bisschen, was einen Zweifel daran zu erlauben schien, war just Panofskys freudianisch gewendetes i-Tüpfelchen.

          Reuß mit Reuß korrigiert

          Dass von textkritischer Warte auch ganz andere Lesarten von Falschschreibungen als die psychoanalytische denkbar sind, verdeutlicht Reuß selbst, wenn er den übergriffigen Editionsstil Rolf Tiedemanns kritisiert, der von 1972 bis 1999 Benjamins „Gesammelte Schriften“ herausgab. Es handele sich dabei um einen Editionsstil, welcher „im strikten Sinne textkritische Aktionen von divinatorischen Einfällen“ nicht mehr sauber zu unterscheiden erlaube. Hinter Druck- und sonstigen Flüchtigkeitsfehlern stecke eben, versteht man Reuß recht, nicht immer eine Metaphysik des Unbewussten, im Zweifel müsse ein Flüchtigkeitsfehler ein Flüchtigkeitsfehler bleiben dürfen. So der Tenor seines Nachworts des von ihm unlängst bei Wallstein herausgegebenen Faksimile-Drucks der Rowohlt-Ausgabe von 1928, die wegen ihrer durchgängigen Frakturschrift in der „Denkbar“ denn auch prompt als „Mumifizierung“ Benjamins beargwöhnt wurde. Wie aber kann der Reprint einer typographischen Erstausstattung als Geschmacksache verkannt werden?

          Dagegen sagt wohltuender textkritischer Positivismus, der hier analog anzuwenden wäre: Im Zweifel gilt bis zum i-Tüpfelchen, was steht, und gut ist. Wohingegen ein womöglich besser ausgedachtes Gutes (divinatorische Einfälle der Art, aus Benjamins Flüchtigkeitsfehlern spreche Freud oder die Fraktur-Entscheidung von Reuß sei reaktionär) im Zweifel der Feind des Guten ist, der Feind des editorisch Nüchternen, der Feind dessen, was da steht.

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