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Das Kurfürstentum Köln : Rheinischer Feudalismus

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Als von einem Bischof Prunkentfaltung noch erwartet wurde, konnte sich Clemens August von Köln im Park seines Jagdschlosses Clemenswerth im Emsland als Kavalier darstellen lassen. Bild: Wikimedia

Die Fürsterzbischöfe von Köln stehen im milden Licht der Strukturgeschichte prächtig da: Eine Bonner Tagung erprobt moderne Begriffe von Herrschaft an einem Musterterritorium des Alten Reiches.

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          Wer leben will wie Gott in Frankreich, kennt die Kurfürsten von Köln noch nicht. Seit 1597 residierten sie in Bonn und schwelgten in barocker Repräsentation. Der Hof von Versailles war Vorbild und Ansporn zugleich. So erwarb sich das kurfürstliche Schloss, das heute die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität beherbergt, im achtzehnten Jahrhundert den Ruf, der prachtvollste Hof in West- und Norddeutschland zu sein.

          Dort veranstaltete sinnigerweise die Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte des Instituts für Geschichtswissenschaft der Universität ihre diesjährige Herbsttagung, die den Kölner Kurfürsten gewidmet war. Unter dem Titel „Herrschaftsnorm und Herrschaftspraxis im Kurfürstentum Köln im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit“ sollte die Anwendbarkeit neuerer Ansätze einer Kulturgeschichte der Politik erprobt werden, auch im Vorausgriff auf ein Projekt, das Michael Rohrschneider (Bonn) vorstellte: ein Handbuch über das Kurfürstentum Köln.

          Die Kurfürsten herrschten über ein Komposit-Territorium, zu dem das Erzstift am linken Rheinufer zwischen Rheinberg und Andernach gehörte sowie das Herzogtum Westfalen und die Exklave Vest Recklinghausen. Nachdem Napoleon 1801 die linksrheinischen Gebiete des Kurfürstentums Frankreich eingegliedert hatte, verwies zwei Jahre später der Reichsdeputationshauptschluss Kurköln ins Reich der Geschichte.

          Wo Akteure ihre Nester bauen

          Die Kooperation mit dem Bonner Sonderforschungsbereich „Macht und Herrschaft. Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive“ bewährte sich mit Blick auf dessen Arbeitsdefinition von Herrschaft. Diese wird nicht mehr als „Top-down-Prozess“ verstanden, sondern als „dynamischer Aushandlungsprozess“, ja als soziales Konstrukt. Der Kurfürst, geistlicher und weltlicher Herr in einer Person, wird weniger als ordnungspolitische Macht beschrieben denn als Handelnder in Netzwerken.

          Erfolgreiche Herrschaft kommt nicht ohne Allianzen aus, weder im inneren Machtgeflecht noch in den äußeren Beziehungen. Da in der Vormoderne Herrschaft von Personen ausgeübt wurde, behandelten zwei Vorträge die engsten erzbischöflichen Mitarbeiter. Die ursprünglich unfreien Ministerialen, die seit Mitte des elften Jahrhunderts auftraten, verfolgten bald eigene Interessen und näherten sich dem niederen Adel an. Trotzdem konnte der Erzbischof sie leichter lenken als adlige Mitstreiter. Um seine Herrschaft durchzusetzen, musste sich der Kurfürst um einen ständigen Ausgleich mit den Herrschaftsträgern bemühen, wie Fabian Schmitt (Bonn) herausarbeitete.

          Stellvertreterkriege mit dem Domkapitel

          Auf der höheren Ebene vertraten Statthalter den Kurfürsten. Sie sorgten für die Kommunikation zwischen ihm, Hof, Behörden und auswärtigen Mächten. Gewisse Spielräume ergaben sich für sie durch eine gezielte Klientelpolitik, während sich der Herrscher in den wiederkehrenden Auseinandersetzungen mit dem Domkapitel auch hinter ihnen verstecken konnte (Philipp Gatzen, Bonn).

          Alheydis Plassmann (Bonn) resümierte den von den Kurfürsten zu leistenden „Reichsdienst“: Die Erzbischöfe seien mit einer Erwartungs- und Aufgabenvielfalt konfrontiert worden, auf die sie unterschiedlich reagiert hätten. Ob der Reichsdienst Kurköln schadete oder nutzte, sei nicht zu entscheiden. Daher habe sich die jüngere Forschung von dieser Frage gelöst, zumal auch Zufälle die kurfürstliche Reichspolitik geprägt hätten. Auf die Beziehungen zwischen Kurköln und Frankreich im frühen achtzehnten Jahrhundert blickte Philippe Sturmel von der Universität La Rochelle, die ebenfalls zu den Veranstaltern der Tagung gehörte. Die geheime Korrespondenz zwischen Paris und Köln enthüllt, dass Frankreich dem Nachbar strategisches Potential als Pufferzone zum Erzfeind Habsburg zutraute und ihn als Allianzpartner wegen der von Kurköln gestellten Truppen schätzte.

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