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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Schrott: Also im Unauslotbaren, dessen sich die Wissenschaftler insofern bewusst sind, als ihnen klar ist, dass Wissenschaft nie alle Fragen beantworten wird und beispielsweise nie über eine Weltformel verfügen können wird. Liegt in diesem Unausdenklichen die Idee Gottes?

Bauberger: Ja, das Unsagbare. Aber nicht die Weltformel. Nach ihr kann man wissenschaftlich suchen. Ich halte es durchaus für möglich, dass die Physiker sie eines Tages finden. Aber auch aus der Weltformel ist ja lange nicht alles ableitbar, zum Beispiel, ob die Welt einen Sinn hat. Und es gibt philosophische Argumente dafür, dass die Frage nach dem Sinn der Welt selbst eine sinnvolle Frage ist.

Gegen den Pantheismus spricht vielleicht auch, dass auch Fragen über Naturdinge nicht alle naturwissenschaftlich beantwortbar sind. Etwa, warum ein einzelner Atomkern gerade jetzt zerfällt und nicht zwei Sekunden später. Ein Gottesbild, das ihn mit den Naturgesetzen gleichsetzt, wäre schon deshalb kein Bild Gottes.

Schrott: Mir dagegen erscheint das Naturbild, das die Wissenschaften erstellen, majestätischer und grandioser. Hier kann ich mich der Welt mit allen meinen Fähigkeiten, auch den rationalen, nähern und Punkte darin identifizieren. Die unergründliche Leere, die sich dazwischen auftut, ist für mich zumindest erhabener und geheimnisvoller als die Idee eines Gottes, der alles schließt.

Bauberger: Das mit dem Schließen halte ich für ein Missverständnis der Idee Gottes. Der ist immer auch das Unausschöpfliche, das Mysterium. Gott ist allem, was wir über ihn wissen, eher unähnlich als ähnlich.

Was vielleicht auch für die Natur gilt. Deren Erforschung unterliegt methodischen Beschränkungen, denen die Naturwissenschaft ihren Erfolg verdankt, damit aber erkauft, dass sie nicht über alles sprechen kann.

Bauberger: Nicht über alle Qualitäten, würde ich sagen.

Schrott: Über welche Qualitäten kann die Wissenschaft nicht sprechen? Sind nicht auch Werte Thema der Evolutionsbiologie, der Psychologie?

Bauberger: Können die denn Werte feststellen? Nehmen wir die Frage, inwiefern Tiere dieselben Rechte haben sollen wie Menschen und ob wir Tierversuche durchführen dürfen. Gibt es irgendein physikalisches oder biologisches Verfahren, das diese Frage entscheiden könnte? Ich wüsste keines. Trotzdem ist es eine wichtige Frage, deren Beantwortung wir nicht der Willkür oder dem Geschmack überlassen wollen.

Schrott: Aber ist die Naturwissenschaft vor solchen Fragen wirklich so hilflos? Wenn etwa Biologen herausfinden, dass Insekten keinen Schmerz spüren, weil sich ein Schmerzzentrum für sie evolutionsbiologisch nicht lohnt?

Bauberger: Aber ob Schmerzvermeidung hier ein Kriterium ist, das kann Biologie nicht beantworten. Das ist hier mein Punkt: Diese Frage nimmt zwar Bezug auf naturwissenschaftliche Fakten, die möglichen Antworten sind aber aus diesen Fakten nicht ableitbar.

Schrott: Also Fragen der Ethik, von Gut und Böse. Ein Evolutionsbiologe dagegen kann behaupten, Gut und Böse entstehen durch Gruppendynamik - weil es eben dieses oder jenes Verhalten eines Individuums gibt, das für das Überleben einer Gruppe gute oder schlechte Folgen hat. Eine solche evolutionsbiologische Empirie scheint mir durchaus in der Lage zu sein, eine Ethik zu entwickeln.

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