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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Bauberger: Aber göttliches Wirken so zu verstehen würde meiner Ansicht nach bedeuten, Gottes Transzendenz nicht ernst zu nehmen. Ich würde sogar sagen, das nimmt Gottes Allmacht nicht ernst, wenn ich ihn auf diese Ebene der Zweitursachen herunterziehe. Ich glaube also nicht, dass es Wunder gibt, die sich messen lassen. Gleichwohl glaube ich, dass es Wunder gibt. Ein Wunder ist ein Geschehen, das den normalen Ablauf durchbricht.

Schrott: Also Manifestationen des Göttlichen in unserer Realität?

Bauberger: Ja, da wird etwas sichtbar in unserer Wirklichkeit, das über sie hinausweist. Aber was trotzdem auch in unserer Wirklichkeit enthalten ist. Von Wundern können nur Menschen sprechen. Irgendein Messverfahren könnte nie beurteilen, ob es da um ein Wunder geht oder nicht. Ein Wunder ist etwas, das für Menschen ein Hinweis ist auf die Wirklichkeit Gottes.

Schrott: Aber ist das nicht eine Vermischung verschiedener Realitäten? Die Realität, in der wir uns hier bewegen, ist bis ins Minimalste hinein vermessen. Wunder müssen sich nun aber in unserer Wirklichkeit manifestieren. Gott muss also darin eingreifen, um agieren zu können. Wie soll er das, wenn er doch per definitionem jenseits dieser Welt ist?

Bauberger: Es stimmt, unsere Welt ist vermessen. Aber was wir physikalisch, chemisch, biologisch über sie aussagen, ist auch nur das, was wir messen können. Der Punkt ist aber doch, dass es mehr gibt in der Wirklichkeit als das, was wir messen können. Die Naturwissenschaft betrachtet die Welt in einer objektivierenden Perspektive. Unter dieser Perspektive können wir das Entscheidende über die Welt gar nicht erkennen. Aber da geht es natürlich auseinander. Das werden viele Naturwissenschaftler nicht akzeptieren. Trotzdem lässt sich diese Position philosophisch plausibel machen. Den Begriff des Wunders gibt es eben nur in einer anderen als der naturwissenschaftlichen Perspektive.

Aber vermindert man nicht das Wirken Gottes, wenn man sagt, da sind keine anderen als physikalische Ursachen am Werk?

Bauberger: Der japanische Religionsphilosoph Nishitani Keiji hat einmal die - eigentlich klassisch christliche theologische - Frage gestellt: Wenn Gott allmächtig ist, kann er dann auch niesen? Da sieht man das Problem, das mit der Allmächtigkeit Gottes verbunden ist. Dass Gott niesen kann, klingt nach einer blödsinnigen Aussage. Dann behauptet Nishitani aber: Wenn man sagt, Gott ist allmächtig, meint man damit eigentlich die Erfahrung, dass, wenn ich niese, es Gott ist, der niest, dass überhaupt alles, was geschieht, Gottes Handeln ist. Aber erst wenn das etwas ist, was mein ganzes Wirklichkeitsverständnis umwirft, meinen Blick auf die Welt umdreht, erst dann ist es eine Erkenntnis des Handelns Gottes.

Schrott: Aber ist das nicht wieder eine pantheistische Position?

Bauberger: Der Unterschied ist, dass der Pantheismus Gott nur in dem findet, was in der Welt physikalisch vorfindbar ist. Wobei ich sage, dass er auch in dem ganz Anderen zu finden ist.

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