https://www.faz.net/-gwz-8oqe1

Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Bauberger: Ja, und die Relativierung von allem anderen. Im Christentum etwa dadurch, dass Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott den Weg geht, am Kreuz zu sterben, der grausamsten und vor allem schändlichsten Hinrichtungsart der damaligen Zeit. Das ist eine völlige Relativierung eines traditionellen kulturellen Gottesbildes: Der Erhabenste überhaupt geht diesen Weg. Und in unserer modernen Kultur ist es eine Relativierung der Selbstverwirklichung. Religion verheißt das Höchste, aber sie verheißt es gerade in der Überwindung des Wunsches zur Selbstverwirklichung.

Schrott: Was heißt das dann für die Idee Gottes? Wo lässt sie sich verorten?

Bauberger: Nirgendwo, würde ich sagen. Gott hat keinen Ort.

Schrott: Gott sitzt also nicht außerhalb des Universums und hat dort von sich aus irgendwann den Urknall ausgelöst?

Bauberger: Es gibt physikalisch keine Zeit vor dem Urknall, wenn man die allgemeine Relativitätstheorie ernst nimmt.

Schrott: Ja, aber was ist die religiöse Position? Denn ich frage mich natürlich, wie beide Weltbilder zusammengehen.

Bauberger: Dazu muss man eine klassische theologische Unterscheidung aus dem Mittelalter vornehmen: die zwischen Erst- und Zweitursachen. Alle Ursachen, die man in der Welt wahrnehmen kann, also auch die für den Urknall, das sind alles Zweitursachen, und in diese Kette der Zweitursachen darf ich Gott eigentlich nicht einführen. Die Idee, vom Urknall an könne man sich alles physikalisch erklären, aber für den Urknall selbst sei Gott verantwortlich, entspricht nicht der Transzendenz Gottes, denn da hätte ich ihn ja wieder in eine innerweltliche Kausalkette eingeordnet. Gottes Wirken dagegen geschieht als Erstursache, und die ist in jedem physikalischen Geschehen mit drin und in diesem Sinne von Gott verursacht. Diese Terminologie ist natürlich auch nur wieder eine Annäherung, es ist, mit einem philosophischen Fachausdruck gesagt, analoges Sprechen oder - wenn Sie so wollen - mythologisches.

Kommt man damit nicht in Widerspruch zu wichtigen theologischen Aussagen? Wenn man voraussetzt, alles in der Welt geschieht immer nur naturgesetzlich, und die Biologie zum Beispiel sagt, Parthenogenese gibt es bei Säugetieren nicht: Dann müsste Jesus doch zwingend einen menschlichen Vater gehabt haben und das mit der Menschwerdung Gottes nur symbolisch zu verstehen sein?

Bauberger: Das ist theologisch umstritten. Aber ich glaube, das mit der Jungfrauengeburt darf man nicht biologisch auffassen, sondern als Bild dafür, dass Jesus Mensch und Gott ist.

Aber überzieht man mit der Forderung, es dürfe keine Zweitursachen geben, die nicht streng naturgesetzlich sind, nicht ein wenig den Gegenstandsbereich der Naturwissenschaft? Von ihrer ganzen Methode her lassen sich Naturgesetze nur für das aufstellen und überprüfen, was stets geschieht, was sich wiederholt. Ein einmaliges Ereignis, auch ein innerweltliches, kann man mit Naturwissenschaft nicht einfangen. Damit steht die Möglichkeit einzelner übernatürlicher Vorkommnisse doch nicht im Widerspruch zu einem naturwissenschaftlichen Weltbild?

Weitere Themen

Topmeldungen

„Impfen ohne Anmeldung“: Mit niederschwelligen Angeboten (wie hier vor dem Kongresshaus in Salzburg)  versucht Österreich, die Impfquote zu erhöhen.

Impfen im Europa-Vergleich : Impfmuffel und Impfwillige

In ostmitteleuropäischen Ländern wie Österreich, Ungarn, der Slowakei und der Tschechischen Republik versuchen die Regierungen verzweifelt, die Impfquote zu erhöhen. Dagegen fehlt in Spanien und Portugal der Impfstoff.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.