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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Schrott: Nur im Ungefähren. Denn im Begriff Pantheismus liegt der Akzent auf einer Gottesidee, die wir, wie ich finde, heute erst einmal neu definieren müssten. Bei dieser Art der Einfühlung in die Natur würde ich, wie gesagt, nicht so weit gehen wie Sie, Pater Bauberger, und sie ausschließlich positiv besetzen. Ich sehe sie vielmehr als Spannungsverhältnis, als Trost ebenso wie Trotz. Damit spannt sich ein Panorama auf, in dessen „Pan“ für mich kein „theos“ liegt, weil das Göttliche die Natur meiner Ansicht nach bloß personifiziert. Dabei finde ich es interessant, dass in den meisten Weltschöpfungsmythen bereits die Welt da ist und erst dann ihre Götter entstehen.

Bauberger: Aber nicht in der jüdisch-christlichen Tradition. Hier ist explizit von der Schöpfung aus dem Nichts die Rede. Und auch das ist wieder nicht einfach nur als Information über Faktisches gemeint. Im zweiten Buch der Makkabäer ermutigt eine Frau ihren Sohn, sich lieber hinrichten zu lassen, als von Jahwe, von Gott, abzufallen, mit dem Hinweis, dass Gott die Welt und den Menschen aus dem Nichts erschaffen hat. Damit will sie sagen: Du kannst vertrauensvoll diesen Weg gehen, weil es da etwas unendlich Wichtigeres gibt.

Schrott: Kommt daher das Problem mit der Naturwissenschaft, dass ich im Judentum und Christentum Gott vor die Welt setze, statt wie in anderen Religionen oder Mythen erst die Welt zu haben und Gott dann als ein animierendes Prinzip der Welt zu sehen?

Bauberger: Nein, ich denke, das würde das Religiöse an sich verfehlen, nämlich die Intuition, dass die Welt und unser Leben einen Grund haben und es - ganz praktisch - nichts Wichtigeres gibt. Dagegen steht das Zeitgeistphänomen der menschlichen Selbstbespiegelung, das Sie vorhin angesprochen haben, Herr Schrott, als Sie die Buchhandlungen erwähnten, wo man unter „Religion“ lauter Bücher findet, die dem Leser sagen wollen, was er machen muss, damit es ihm bessergeht. Darum geht es überhaupt nicht in der Religion, dass es einem bessergeht.

Schrott: Aber was ist dann mit Gott als strafender Instanz? Was fange ich mit dieser Vorstellung an?

Bauberger: Da sprechen Sie ein Grundproblem der Glaubensverkündigung heute an. Dass man sich nämlich schwertut, die wirklich grundlegenden Dinge noch auszusagen, und stattdessen an Nachgeordnetem hängenbleibt. Hinzu kommt, dass das Gottesbild von Bildern kultureller Herkunft überlagert ist.

Der bärtige Mann auf der Wolke ...

Bauberger: Ja, aber auch der strafende Gott. Der hatte natürlich auch eine gesellschaftliche Funktion. Und wenn es heute heißt, wir brauchen Religion, um einen Kitt für die Gesellschaft zu haben, dann ist das nur eine andere Ausformung der Vorstellung von einem strafenden Gott, die jetzt lediglich netter klingt. An der Grundintuition von Religion geht es aber genauso vorbei.

Dass es ein Fundament der Welt gibt und dass es gut ist?

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