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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Bauberger: Das ist die Frage nach dem Wesen von Religion. Aber so weit sind wir uns einig, dass wir über den naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt hinausgehen müssen. Wir brauchen noch einen anderen Blick.

Raoul Schrott: Aber muss das wirklich ein Blick sein, der über diese Welt hinausgeht? Genügt es denn nicht, einen Bezug zu ihr herzustellen?

Stefan Bauberger: Über die Welt hinaus heißt nicht, neue Objekte einzuführen. Das ist ein Problem des Gottesbegriffs. Man kann nicht sagen, weil hier drei Personen sitzen, weil Gott überall ist und es noch eine Trinität gibt, sind wir zu sechst im Raum. Das wäre ein falsches Sprechen über Gott. Das wussten schon die mittelalterlichen Theologen, dass man Gott so nicht greifen kann. Das Darüberhinaus besteht darin, dass, wenn ich die Dinge sehe, sie, christlich ausgedrückt, als geschaffen erlebe und als solche auch als geliebt.

Schrott: Also eine rein positive Empathie? Als Dichter muss man für unterschiedlichste Dinge Empathie entwickeln können, aber die muss nicht rein positiv besetzt sein. Es kann auch das Erfühlen von Leere, von Aporien, Widersprüchen, Schrecklichem oder Gleichgültigem sein.

Bauberger: Ja, im Falle der Religion ist das positiv. Wobei, es gibt natürlich viele Religionen, was oft als Bedrohung für die Glaubwürdigkeit eines religiösen Zugangs zur Welt gesehen wird. Doch in vielen Kulturen wurden Sichtweisen entwickelt, zwischen denen es Übereinstimmungen gibt. Eine davon ist, dass der Grund der Dinge etwas Positives ist. Es ist eben nicht einfach nur ein neutraler Blick, sondern er sagt, wie der erste Schöpfungsbericht: „Die Welt ist gut.“

Licht der Aufklärung: „Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe“ malte Joseph Wright of Derby 1767 oder 1768. Es ist eines der wenigen großen Kunstwerke, die sich mit dem heraufziehenden naturwissenschaftlichen Zeitalter befassen.
Licht der Aufklärung: „Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe“ malte Joseph Wright of Derby 1767 oder 1768. Es ist eines der wenigen großen Kunstwerke, die sich mit dem heraufziehenden naturwissenschaftlichen Zeitalter befassen. : Bild: National Gallery, London

Es gibt aber auch Unterschiede zwischen den Religionen. Und das war ja immer das schwerste Geschütz der Atheisten. Etwa des berühmten Physikers Paul Dirac, der seinen Atheismus damit begründet: Das sind viele Theorien, die sich widersprechen.

Bauberger: Weil er sie wie physikalische Theorien sah. Dieses Bild des Widerspruchs zwischen den Religionen entsteht genau dann, wenn man glaubt, Religion spräche nach der Weise der Naturwissenschaften über die Welt.

Trotzdem bedient sich die Theologie aller Ausdrucksformen der Wissenschaft: Es gibt Lehrstühle, Lehrbücher und eine Terminologie voller Begriffe wie „unbefleckte Empfängnis“ oder „Erbsünde“. Da verwundert es doch nicht, dass Religion neben den auf letzte Objektivierbarkeit abzielenden Wissenschaften manchmal etwas fragwürdig wirkt.

Bauberger: Dieses Problem rührt auch daher, dass die Religion in Europa - in anderen Kulturen ist das etwas anders - sich seit einigen Jahrhunderten in einer Verteidigungssituation gegenüber den Naturwissenschaften sieht. Diese sind so bestimmend geworden, dass man ständig versucht ist, sich da anzupassen. Das ist übrigens auch in der Philosophie ein Problem. Auch dort sehen viele das Ideal in einem naturwissenschaftsförmigen Denken, das dadurch aber über weite Strecken völlig inhaltsleer wird.

Diracs noch berühmterer Kollege Albert Einstein sprach freundlicher von Gott. Wenn man aber genau hinschaut, waren für ihn Gott und die Natur letztlich ein und dasselbe. Ist dieser Pantheismus nicht im Grunde auch Ihre Position, Herr Schrott?

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