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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Schrott: Ja, aber es ist ein soziales Phänomen. Der Mensch lebt in einer Art autistischer Hohlwelt, in der er sich abkapselt, alles drum herum und dahinter nicht mehr wahrhaben will. Ob den Tod - den man auf die Intensivstation verlegt - oder den Kosmos. Allegorisch gesprochen, sieht man den Sternhimmel kaum noch und kann kaum mehr Konstellationen identifizieren. Das ist schon ein Phänomen des Zeitgeistes.

Kunst, Wissenschaft und Religion sind alles Weisen des Menschen, der Welt um sich herum zu begegnen. Doch in Ihrem Buch, Herr Schrott, spürt man zur Religion doch einige Distanz. Auf den Götterverächter Lukrez beziehen Sie sich häufig und explizit - und weniger auf Augustinus, der auch vorkommt ...

Schrott: und der naturwissenschaftlich eigentlich der Modernere ist.

...liegt das daran, dass die Naturwissenschaften heute viele der Fragen beantworten, die früher nur die Religion beantwortet hat?

Schrott: Kurz gesagt: ja. Mit der Welterklärung, welche die Naturwissenschaft heute leistet, kann die Religion nicht konkurrieren, und wie Pater Bauberger es schon gesagt hat: Im Grunde genommen soll sie das auch nicht. Meine eigene Position ist die eines Atheisten, was aber nicht heißt, dass ich Materialist bin. Als Dichter produziere ich ja permanent Transzendenzen. Wenn ich etwa sage: „Die Liebe ist eine Rose“, dann habe ich erstens einen empathischen Zugang zu einem Naturphänomen, in diesem Fall eine bestimmte Pflanzenart. Zweitens habe ich, wenn ich diese Pflanze mit etwas Menschlichem vergleiche, eine Art von Erkenntnis, und ich schaffe damit ein Bild, das sich auf keinem Computer wiedergeben lässt. Es stellt Mehrdeutigkeiten und Paradoxien auf, bei denen sich aber genau zeigen lässt, wo sie beginnen, nämlich in diesem Beispiel bei der Koppelung der zwei Worte „Rose“ und „Liebe“. Die Poesie hält diese Polyvalenzen aufrecht, während die Religion, so sehe ich das, sie in einer Figur schneidet, die Züge eines Wesens hat und damit anthropomorph ist.

Die Idee Gottes ...

Schrott: kommt aus der Bibel. Und da kann ich natürlich sagen, dass jede Religion mit Literatur beginnt. Die Bibel ist ein literarisches Werk.

Wobei aus der Tatsache, dass ein Text Literatur ist, noch nicht folgt, dass sein Inhalt nicht stimmt. Trotzdem, Pater Bauberger, ist es nicht das große Problem der Religion heute, dass ihre Aussagen anders als die der Naturwissenschaft keine objektiven oder objektivierbaren Aussagen sind, sondern zum Beispiel auf Zeugnissen von Leuten beruhen, die vor zweitausend Jahren lebten?

Bauberger: Ja, aber da würde ich sagen: Religiöse Aussagen sollen auch gar nicht objektivierbar sein. Da möchte ich an Herrn Schrotts Anliegen anknüpfen. Wenn ich das richtig verstehe, hat Literatur genau die Absicht, etwas über die Wirklichkeit zu sagen, was Naturwissenschaft gar nicht sagen kann. Und das sind gerade die für uns Menschen entscheidenden Aussagen über die Wirklichkeit - wenn man etwa über Liebe spricht oder wie wir leben sollen. Alle diese großen menschlichen Fragen lassen sich nicht objektiv beantworten. Das Problem mit der Religion entsteht nur dann, wenn man glaubt, sie könnte auf dieselbe Weise antworten, wie es der Naturwissenschaft in ihrem Gegenstandsbereich möglich ist. Wenn Sie also anführen, dass die großen religiösen Bücher Epen sind, dann entspricht genau das dem Wesen von Religion.

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