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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Und Theologie?

Bauberger: Ja, die auch nicht. Wobei man da aufpassen muss. Es gibt eine Tendenz, die ich eher gefährlich finde und die zu zeigen versucht, dass die Theologie genau in der gleichen Weise Wissenschaft ist wie die Naturwissenschaft. Aus meiner Sicht kann man aber zeigen, dass religiöse Erkenntnis ein prinzipiell anderer Typus von Erkenntnis ist als naturwissenschaftliche Erkenntnis. Sie führt auch zu Wissen, aber zu einer anderen Art von Wissen.

Doch auch zu einem Wissen über andere Dinge. Solche, die sich Experimenten meist entziehen. Also sollte man besser nicht in den offenen Fragen von Kosmologie oder Molekularbiologie nach Gott suchen?

Bauberger: Als Theologe darf man angesichts der Naturwissenschaft nicht versuchen, dort irgendwelche Nischen zu besetzen und auf derselben Ebene mitzumischen. Vielmehr müssen wir den Anspruch haben, in einer religiösen Sprache etwas über die Welt zu sagen - aber im Bewusstsein eines völlig anderen Zugangs zu Erkenntnis. Denn was wir da über die Welt sagen, ist etwas Wichtiges - letztlich wichtiger als das, was die Naturwissenschaft über sie sagt.

Wichtiger als dieses Faktische ist das den Menschen existentiell Angehende. In „Erste Erde Epos“ jedoch wird dieses, wie mir scheint, bereits in den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft verortet und besungen. Das ist angesichts der Kluft, über die wir eben gesprochen haben, zumindest ungewöhnlich.

Schrott: Ja, mir wäre bei der Arbeit am Buch lieber gewesen, ich hätte mehr Vorläufer gehabt. Trittsteine sozusagen, um mich darauf zu beziehen bei der Frage, was wir aus dem Verhältnis von Individuum und naturwissenschaftlich erkannter Welt für Einsichten ziehen können und vor allem was für eine Art von Moral. Bloß was gibt es da? Das Buch Genesis, den Römer Lukrez. Bei Alexander von Humboldt ist dann zwar von der Natur, aber weder von Gott noch vom Menschen die Rede. Einige wenige Autoren gibt es, aber es ist tatsächlich ein dünnes Feld.

Woran kann das liegen?

Schrott: Literatur hat lange die Bewältigung von Transzendenz und Metaphysik betrieben. Im 19. Jahrhundert aber wurde sie zu einem soziologischen Projekt, das sich vorrangig mit Allzumenschlichem beschäftigt. Und diese Tendenz setzt sich fort in dem Sinne, dass Literatur heute oft nur noch der Unterhaltung dient und dabei die gesellschaftlichen Verhaltensweisen des Menschen in allen Nuancen nachzeichnet. Dagegen gibt es kaum Bücher, die eine Beziehung zwischen Individuum und Welt herstellen. Schauen Sie nur in die Regale der Buchhandlungen. Selbst unter „Spiritualität“ oder „Religion“ finden Sie überwiegend Titel, die dem Menschen Erkenntnisse darüber versprechen, wie er sich besser fühlt oder wie er lernt, sich so oder so zu geben. Selbst hier also bloß Selbstbespiegelung. Dagegen gibt es offenbar kein Bedürfnis nach Ankoppelung des Individuums an die Welt in einer literarischen, künstlerischen, poetischen Form. Und das finde ich letztlich unbegreiflich.

Bauberger: Dann ist das Problem also gar nicht so sehr das Verhältnis zu den Naturwissenschaften, sondern zum einen ein gewisser Konsumismus - die Leute lesen nun mal gerne Unterhaltendes - und zum anderen eine gewisse Egozentrik.

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