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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Und der gestirnte Himmel reicht Ihnen, der Sie als Dichter von Berufs wegen dem begrifflich Unsagbaren, dem emotional Tiefsten nachspüren?

Schrott: Ja. Er hat für mich so eine Tiefe und zeigt so viele Facetten, dass ich mich im Wissen darum - ich muss sagen, zum ersten Mal in meinem Leben - irgendwie zu Hause fühle. Indem ich durch unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse Empathie zu Dingen entwickelt habe, die für mich vorher keine Bedeutung hatten, weil ich sie nicht sah. Sie definieren mich als Menschen existentiell neu. Und ich hatte noch nie so viele Anknüpfungspunkte an die Menschen und an die Kultur wie jetzt, wo ich weiß, dass die Atome, aus denen wir bestehen, in den Sternen gebildet wurden oder der aufrechte Gang mittelbar zur Entstehung von Familie geführt hat.

Bauberger: Was Sie beschreiben, ist ein Zugang zur Wirklichkeit, der, vermittelt durch diese naturwissenschaftlichen Fakten, eine Intensität gewonnen hat. Diese Qualität, mit der Sie da auf die Wirklichkeit zugehen, kommt mir religiöser vor als mancher formale Umgang mit Religion, bei dem Gläubige einfach ein System übernehmen, ohne einen echten Bezug zu Gott zu haben. Denn den Bezug zu Gott gibt es, wie Blaise Pascal sagt, nur in der Weise des Feuers, im existentiellen Ergriffenwerden.

Schrott: Und dass wir überhaupt dazu fähig sind, unsere Behelfskonstruktionen so nahe ans Universum zu bauen - und das mit so einem primitiven Primatengehirn, das meint, die Welt ließe sich durch Subjekt, Objekt und Prädikat darstellen -, das finde ich grandios.

Bauberger: Aber da liegt vielleicht der Unterschied zum religiösen Zugang. Natürlich, das ganze wissenschaftliche Gebäude, das haben wir selbst errichtet. Aber Bedeutung zu haben - das Erscheinen von Sinn -, das ist nicht einfach nur von uns gebaut. Als religiöser Mensch würde ich sagen, das ist uns geschenkt.

Schrott: Also ich musste mir das in harter Arbeit erst selbst schaffen.

Bauberger: Wenn ich beschenkt werde, kann ich darüber selbst nicht verfügen. Der Sinn der Welt ist zugleich einer, der mich in Anspruch nimmt.

Schrott: Das ist dann wahrscheinlich noch anstrengender. Ich kann die Welt ablehnen, mich dagegen auflehnen, in manchen ihrer Aspekte Trost finden, mich in ihr wiedererkennen. Aber Sie müssen sie überdies auch noch lieben.

Bauberger: Ja, Liebe und Vertrauen sind für mich die grundlegenden Beziehungen zur Welt, aber gerade deswegen gibt es in ihr genügend Anlass zu Trotz und Widerspruch, auch wenn man das große Ganze als etwas Freundliches, Geschenktes und Gutes erkennt.

Schrott: So oder so ist sie ganz schön anspruchsvoll, die Welt.

Der Dichter und der Jesuit

Raoul Schrott wurde 1964 in Landeck geboren. Nach dem Lehramtsstudium der Germanistik und Anglistik in Innsbruck promovierte er an der Pariser Sorbonne über den Dadaismus. Nach Dozententätigkeit in Neapel habilitierte er sich in Komparatistik. Bekannt wurde er unter anderem mit den Romanen „Finis Terrae“ (1995) und „Tristan da Cunha“ (2003) sowie mit Nachdichtungen des akkadischen Gilgamesch-Epos und der Ilias des Homer. Im September erschien von ihm „Erste Erde Epos“ (Hanser Verlag, München 2016, 848 Seiten, 68 Euro).

Stefan Bauberger SJ, geboren 1960 in München, trat 1981 in den Jesuitenorden ein. Nach dem Studium der Philosophie und Theologie wurde er 1990 zum Priester geweiht. 1997 promovierte er in theoretischer Physik an der Universität Würzburg. Außerdem beschäftigte er sich mit dem Buddhismus und wurde zum Zen-Meister ausgebildet. Seit 2012 ist er Professor für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München und leitet das dortige Institut für naturwissenschaftliche Grenzfragen zur Philosophie und Theologie.

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