https://www.faz.net/-gwz-8oqe1

Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Der große Kreislauf der Dinge.

Schrott: Genau. Für mich ist dieser Kreislauf weitaus einsichtiger als jede Idee Gottes. Ich finde die Idee Gottes viel zu einfach, allzu menschlich gedacht. Warum sollte der Urgrund der Dinge ein Jemand sein?

Bauberger: Wenn man von der Personalität Gottes spricht, dann meint man damit: Die Wirklichkeit ist nicht primär dieses Materielle, sondern sie spricht mich an. Da ist etwas, das du zu einem sagt und zu dem man daher selbst ebenfalls du sagen kann. Aber nicht nur als begrenztes Gegenüber. Es lässt sich nicht abschließend auf den Begriff bringen. Es ist etwas Schillerndes.

Schrott: Ja, aber zeigt sich dieses Schillern nicht auch im Blick auf das Materielle? Für mich als Tiroler waren Gebirge stets etwas, das immer da war. Bis mich die Wissenschaft eines anderen belehrte. Schaue ich heute die Berge um Innsbruck an, sehe ich nichts Ewiges, sondern sedimentiertes Plankton, darunter die Kragengeißeltierchen, von denen wir in direkter Linie abstammen. Das schafft auf einmal eine Nähe zu etwas, das vorher unnahbar war und als totes Gestein fast eine Konkretion des Todes. Gleichzeitig weiß ich, dass ich kein Plankton oder Fels bin, und empfinde mich dadurch als fremd und mein Ich erst in der Selbstbehauptung. Diese zwischen Trost und Trotz oszillierende Spannung macht für mich das Humane aus. Das ist zugleich ein religiöses Gefühl - sich in die Welt eingebunden zu wissen.

Licht des Glaubens: Die „Anbetung des Kindes“ schuf der Utrechter Maler Gerard van Honthorst um das Jahr 1622.
Licht des Glaubens: Die „Anbetung des Kindes“ schuf der Utrechter Maler Gerard van Honthorst um das Jahr 1622. : Bild: Imago

Stimmt, das hat etwas Erhabenes und Demut Gebietendes. Auch Einsteins allgemeine Relativitätstheorie ist geradezu zum Niederknien. Aber gerade jetzt in der Weihnachtszeit, wenn vielleicht nicht nur Kirchgänger etwas spüren oder zu spüren suchen, was über Glühwein und Gänsebraten hinausgeht, fragt sich doch, ob Naturwissenschaft eine am Transzendenten orientierte Spiritualität ersetzen kann. Bach hat keine Newton-Kantate geschrieben und auch sonst niemand, dessen Werk noch Generationen später die Herzen rührt.

Schrott: Trotzdem finde ich die naturwissenschaftlichen Erfahrungen überhaupt nicht zu gering. Ich stehe da der ganzen Welt gegenüber, die mich zwingt, zu ihr einen Bezug aufzubauen, da ich nun weiß, dieses ist mit dir verwandt, das sind die Prozesse, die das haben entstehen lassen. Da sind rationale ebenso wie emotionale Fähigkeiten gefordert. So wie bei einer Astronomin, die ich am Paranal-Observatorium in Chile traf. Auf meine Frage, ob sie angesichts des täglichen Anblicks des Firmaments und ihrer Winzigkeit nicht Depressionen bekomme, antwortete sie: Im Gegenteil, das da oben sei alles so gewaltig, dass unsere Probleme hier unten auf einmal sehr nebensächlich würden. Das war kurz nach dem Brexit.

Dann ist Ihnen die Idee Gottes nicht zu wenig, sondern zu viel?

Schrott: Die Idee Gottes als einer transzendenten und trotzdem ganz immanenten Erstursache, von der wir vorhin gesprochen haben, die hört sich nicht mehr katholisch oder protestantisch an, sondern als würden wir hier gerade eine neue Religion gründen. Doch deren Gott erscheint mir bloß als Doppelung dessen, was in der Natur zu finden ist - und eine, die das Ganze nur noch unausdenklicher macht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Intensivpfleger arbeitet auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg an einem Covid-19-Patient.

Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter auf 13,6

Das Robert Koch-Institut hat 1919 Corona-Neuinfektionen registriert. Vor einer Woche hatte der Wert bei 1608 Ansteckungen gelegen. Bildungsministerin Anja Karliczek drängt auf Impfungen aus Solidarität mit Kindern und Jugendlichen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.