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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Bauberger: Auch darin sehe ich das Handeln Gottes - dass ich verstehen kann, wie alles so entstanden ist.

Schrott: Wo ist hier ein Handeln Gottes? Indem er die unerbittlichen Bedingungen dafür schafft? Das Grausame?

Bauberger: In christlicher Perspektive ist die Welt tatsächlich geschaffen, damit der Mensch existieren kann. Auch das ist eine Lesart, aber eine, mit der ich die Absolutheit meines Werts erkenne. Wobei man aufpassen muss: Wer daraus ableitet, alles andere sei weniger wert, der versteht das Bild vom Menschen als Krone der Schöpfung grausam falsch. Vielmehr begreife ich mich als Geschöpf Gottes und damit als von ihm geliebt.

Schrott: Also ein Gefühl des Aufgehens in der Totalität, als deren Teil man sich sieht. Ist das denn nicht genau das, was die Naturwissenschaften anbieten?

Bauberger: Die Naturwissenschaft bietet das nicht an.

Schrott: Doch - nämlich in dem Maße, in dem sie rund um uns erst die Welt hat sichtbar werden lassen samt dem, aus dem wir hervorgingen: Sonnen, die all die chemischen Elemente bilden, Mikroben, von denen wir abstammen ...

Das schließt sich doch nicht aus. Man kann doch den Baum des Lebens in allen Verästelungen bewundernd erforschen und sich dennoch als etwas empfinden, auf das hin alles geordnet ist. Und auch auf alle anderen Äste des Baumes. Denn das Argument, das könne ja kein guter Gott sein, der eine Evolution geschehen lässt, die so viele Verlierer kennt - hat es nicht etwas von Sieger-Geschichtsschreibung? Hatten nicht auch alle Organismen, die starben oder ausstarben, ohne evolutionär zu irgendwas geführt zu haben, ihren je eigenen Wert?

Schrott: Aber in dem Bild des Baums steckt eine Idee von Vervollkommnung. Während ich hier nur Prozesshaftes sehe und darin eine andere Idee von Gut und Böse, von Schön und Schrecklich.

Bauberger: Ja, aber wiederum: Wie lese ich das? Wir wissen heute, dass das Universum irgendwann unbewohnbar sein wird. Da können wir noch so viel zu anderen Sternen auswandern - irgendwann werden auch die erlöschen und nirgendwo mehr Leben möglich sein. Wenn ich also Sinn und Ziel der Welt allein aus den naturwissenschaftlichen Fakten ableite, dann sagt mir dieses Faktum: Letztlich ist alles sinnlos.

Der Sinn kann dann also nicht in Entwicklung selbst gesehen werden?

Bauberger: Dann wäre der Tod das letzte Ziel. Man darf also bei der Sinnfrage nicht bei den biologischen Prozessen stehenbleiben, sondern muss in jedem Einzelnen, das sie hervorbringen, tatsächlich jedem ausgestorbenen Tier, auch denen in evolutionären Sackgassen, einen Sinn zusprechen, wie die Schöpfungsgeschichte es tut: „Und siehe, es war gut.“

Schrott: Aber brauche ich dafür Gott als etwas Personales? Die für mich schönste Ethymologie eines Wortes für Gott ist die des lateinischen „deus“, das sich von einem protoindoeuropäischen Wort ableitet, von dem auch das englische „day“ kommt, und das etwas mit Licht zu tun hat: heller Glanz. Das finde ich auch deswegen so schön, weil jedes unserer Atome bereits zwei- oder dreimal Bestandteil eines Sterns gewesen ist. Dass auf diese zugegeben etwas naive Weise nie etwas von mir verlorengeht, das finde ich erlösend.

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