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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Bauberger: Damit, fürchte ich, landet man dann am Ende immer bei irgendeiner Form des Sozialdarwinismus, in dem das Individuum dem Kollektiv untergeordnet ist. Und auch diese Werte muss ich dann immer noch setzen.

Schrott: Das halte ich für zu kurz gegriffen. Zu den schönsten Erkenntnissen der Evolutionsgeschichte gehört doch, dass unsere Abstammung uns mit den unterschiedlichsten Wesen verbindet, von den Bakterien angefangen. Das schafft eine neue Art der Empathie. Während die primatologische Forschung die Genese von Gewalt bei Primatengruppen zeigt, deren Futterversorgung von der Größe von Territorien abhängt, welche also verteidigt werden müssen, was wiederum von den Männchen übernommen wird, weil die Körper der Weibchen für die Reproduktion geschont werden. Das erklärt zwar nicht allein, warum Männer gewalttätig werden, denn Kultur kann solche Verhaltensmuster überschreiben, aber um solche biologischen Dispositionen zu wissen erklärt uns als Menschen anders. Selbst wenn das nur eine auf Empirie fußende These ist, halte ich sie für fruchtbarer als eine abstrakt gesetzte Idee des Guten oder Bösen.

Bauberger: Die Evolutionsgeschichte kann man aber unterschiedlich lesen. Als eine großartige Entwicklung, wie alles mit uns zusammenhängt und wie wir daher mit den Tieren zusammenhängen - die Empathie, von der Sie sprechen. Oder ich lese sie als eine Entwicklung, in der sich der Stärkere gnadenlos durchsetzt. Keine der beiden Lesarten ist objektiv begründbar. Vielmehr entsteht hier Weltanschauung: Ich nehme die Erkenntnisse der Naturwissenschaft und lese sie in einer bestimmten Weise. Aber auch hier muss mir bewusst bleiben, dass in der Lesart drinsteckt, was nicht einfach aus den Fakten kommt.

Schrott: In der Evolution überlebt aber eigentlich nicht der Stärkere, sondern „the fittest“ - der Passendere.

Bauberger: Zugegeben. Und ich stimme Ihnen auch zu, dass wir uns verstehen müssen als eingebunden in unsere biologischen Dispositionen, denn ihre Motivation brauchen wir für gutes Handeln. So wie man in der Französischen Revolution dieses Bild entworfen hat „Alle Menschen sind Brüder“, weil es eben biologisch angelegt ist, für seinen Bruder unter Umständen auch sein Leben zu opfern. Da bezieht man sich auf ein Prinzip menschlichen Handelns, das biologisch bedingt ist, nimmt es dann aber für Ideale in den Dienst, die das schon wieder überschreiten.

Schrott: Aber kommt nicht sogar die brauchbarste Form der Ethik aus einer Einsicht in die menschliche Ohnmacht gegenüber einer unerbittlichen Natur? Was sollte die mit Gott zu tun haben?

Bauberger: Aber Sie sagen ja auch, es kommt aus einer Empathie heraus, einem Empfinden der Verbundenheit. Die hat für mich etwas mit Gott zu tun.

Schrott: Die Empathie lässt sich aber besser selbst als etwas evolutionsbiologisch Gewordenes begreifen. Als „Theory of Mind“ zeichnet sie insbesondere uns Primaten aus, das Weiße um die Augen hat sich beispielsweise herausgebildet, damit unsere Artgenossen sehen, wohin wir blicken, und sich in uns hineinversetzen können. Da kommt das Menschlichste an uns doch überhaupt erst durch die Einsicht in evolutionäre Prozesshaftigkeiten zum Vorschein.

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