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Die Schule von Cambridge : Wort, Satz und Sieg

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„Gründe, Papisten gleichermaßen wie alle anderen zu tolerieren“: Dass John Locke eine Liste mit diesem Titel zu Papier gebracht hat, ist im Lichte von seinen gedruckten Schriften eine große Überraschung. Die Forschung wird jetzt im Geiste Quentin Skinners nach dem Kontext des kürzlich in einer Collegebibliothek in Annapolis entdeckten Manuskripts fragen. Bild: St. John's College

Politische Theorie steht immer im Kampf: Mit Quentin Skinners Aufsatz über Sinn und Verstehen in der Ideengeschichte begann 1969 die Erfolgsgeschichte der Schule von Cambridge.

          7 Min.

          Quentin Skinner ist ein höflicher Mensch. Interviews eröffnet er in der Regel mit einem großen Dank dafür, dass ihm und seinen Auffassungen ein so großes Interesse entgegengebracht wird. Man erlebt die Bescheidenheit und Gelassenheit des vielleicht bedeutendsten Ideenhistorikers unserer Zeit. Als Stürmer und Dränger hatte Skinner seine Karriere begonnen. Im Jahr 1969, gerade einmal 28 Jahre alt, veröffentlichte er in der Zeitschrift „History & Theory“ seinen bis heute berühmtesten Aufsatz: „Meaning and Understanding in the History of Ideas“.

          Der 1940 in Lancashire geborene Historiker hatte sein Studium in Cambridge mit Auszeichnung abgeschlossen und lehrte dort als Fellow am Christ’s College, ohne eine Doktorarbeit vorgelegt zu haben. Das hielt ihn nicht davon ab, in seinem auch heute noch erstaunlich frisch anmutenden Meisterstück mal mit vitaler Verve, mal mit feiner Ironie gegen die Granden seiner Disziplin von Arthur Lovejoy bis Leo Strauss zu streiten. Er stellte den wissenschaftlichen Charakter ihrer Schriften in Abrede und trat ihnen als Entmythologisierer entgegen.

          Vier gängige Prämissen der Ideengeschichte verwies Skinner in seinem methodologischen Schlüsseltext ins Reich der Mythologien. Die „mythology of doctrines“ projiziere Lehren der Gegenwart in die Geschichte zurück und erzeuge Anachronismen. Noch schlimmer ist es, wenn der Historiker gleich von zeitlosen Fragen und Werten ausgeht („perennialism“). Denker früherer Zeiten würden nach dem Vorhandensein entsprechender „Elementarideen“ – die Lovejoy zu einer Art Periodensystem verband – befragt, dafür gelobt oder auch gerügt, falls das obligatorische Thema in ihrem Korpus partout nicht auffindbar sei.

          War Locke mit dreißig noch nicht Locke?

          Zweitens verleite die „mythology of coherence“ dazu, aus verstreuten Bemerkungen politischer Denker eine logisch geschlossene Theorie zu formen, mithin einen ebenso widersprüchlichen wie wandlungsreichen Denkprozess in ein Schema zu pressen. Dies führe etwa dazu, aus John Locke einen durch und durch liberalen Theoretiker zu machen, ohne konservative und autoritäre Positionen seiner Frühschriften zu berücksichtigen. „Locke mit dreißig ist offenbar noch nicht ,Locke‘“.

          Drittens identifizierte Skinner eine „mythology of prolepsis“, die ebenso wie der vierte Denkfehler des „parochialism“ auf die Konstruktion von historischer Kontinuität ziele. Statt sich auf die Eigenlogik geschichtlicher Ideenwelten einzulassen, würden mit leichter Feder Vorwegnahmen von Späterem, insbesondere dem, was wir für „modern“ halten, schraffiert. So avancierten, um ein in Skinners Augen besonders krudes Beispiel für diese Mythenbildung zu nennen, Platon und Rousseau zu Vorläufern eines Totalitarismus, der erst ein Phänomen des zwanzigsten Jahrhunderts war.

          Richtete sich Skinner in diesem Fall gegen Karl Popper, so kritisierte er ebenso Ernst Cassirer, der einst frohlockte, wir stünden mit Niccolò Machiavelli „an der Schwelle zur Moderne“. Skinner erkannte hier eine „etwas naive Sicht von historischer Kausalität“, während die Frage, „was Machiavellis Schriften bewirken oder aussagen sollten“, unbeantwortet bleibe. Bei solchen Interpretationen regiere die Teleologie, entscheide also erst die Zukunft über die Bedeutsamkeit vergangenen Denkens und Handelns.

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