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Soziale Systeme : Programmierte Ungleichheit

  • -Aktualisiert am

Traditionell die Mehrheit: In der IT-Branche werden hauptsächlich Männer eingestellt. Bild: AFP

Die „gender pay gap“ bezeichnet die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen im gleichen Beruf. Während alte Rollenbilder zumindest teilweise verschwinden, könnte die Digitalisierung die Schere stärker auseinandertreiben.

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          Dafür, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, gibt es viele Gründe. Einer lag lange Zeit in den von ihnen ausgeübten Berufen: Die Krankenschwester verdient weniger als der Arzt, die Sekretärin weniger als der Buchhalter. Die zunehmende Erwerbsbeteiligung der Frauen und die Erosion traditioneller Geschlechterstereotype haben dazu beigetragen, derartige Ungleichheiten zu verringern. Und in der Tat gibt es beim Einkommen zwar immer noch einen „gender gap“, aber er hat sich in vielen Ländern im Laufe der letzten Jahrzehnte verringert.

          Auch der technologische Fortschritt hatte einen Anteil an dieser Entwicklung: Die Einführung des Personal Computers in den 1980er Jahren zum Beispiel betraf zunächst vor allem von Frauen ausgeübte Tätigkeiten, die deshalb als Erste mit der neuen Technik vertraut wurden; diese führte außerdem dazu, dass physische Stärke am Arbeitsplatz eine immer geringere Rolle spielte. Folgerichtig verringerte sich die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern in diesem Zeitraum.

          Doch im Zuge der folgenden Phasen der Digitalisierung gewannen neue Tätigkeiten und Qualifikationen an Bedeutung, vor allem im Bereich der Programmierung. Und gerade diese wurden zu neuen Domänen der Männer: „Nerds“ sind typischerweise männlichen Geschlechts. Könnte es sein, dass die Computerrevolution für die Gleichheit der Geschlechter eher konterrevolutionäre Folgen hatte?

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          Zwei Arten der Benachteiligung

          Dem Verdacht, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt auf Kosten der Gleichberechtigung gegangen sein könnte, gehen drei Soziologinnen der New York University in einer aktuellen Veröffentlichung nach. Anhand von Daten aus den Jahren 1994 bis 2015 analysieren sie einerseits die Folgen der allgemein zunehmenden Computernutzung in fast allen Berufsfeldern und andererseits jene der gestiegenen Nachfrage nach Programmierern und Software-Entwicklern. Damit tragen sie der Tatsache Rechnung, dass Digitalisierung sowohl existierende Berufe auf- oder abwerten als auch gänzlich neue Fertigkeiten verlangen könnte.

          Ein genauerer Blick auf die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre zeigt, dass sich in diesem Zeitraum die allgemeine Computernutzung in der Berufswelt nur noch geringfügig verändert hat, die Programmierintensität aber deutlich gestiegen ist – dies jedoch am deutlichsten unter Männern mit einem College-Abschluss. Der Zuwachs bei den Frauen war deutlich geringer.

          Aus einer kompetenzorientierten Perspektive überrascht es nicht, dass Programmierkenntnisse wichtiger geworden sind und auf dem Arbeitsmarkt prämiert werden. Davon könnten Frauen ebenso profitieren wie Männer, eine entsprechende Ausbildung vorausgesetzt. Sie könnten jedoch auch auf zwei unterschiedliche Weisen benachteiligt werden: Zum einen könnten die mit Programmieraufgaben verbundenen Arbeitsplätze überproportional mit Männern besetzt werden; zum anderen könnten Frauen in solchen Jobs geringere Einkommen erzielen.

          Eine Veränderung erscheint unrealistisch

          Für einen „Kompositionseffekt“, also einen höheren Männeranteil, sorgen auf der Nachfrageseite beispielsweise Vorurteile der Arbeitgeber, die Männern ein besseres Technikverständnis unterstellen, und auf der Angebotsseite die Wahl der Studienfächer, bei der Frauen in den Natur- und Ingenieurswissenschaften nach wie vor unterrepräsentiert sind. Dazu kommen die männliche Dominanz in einigen Branchen, die Frauen den Zugang zu den besser bezahlten Positionen erschwert, sowie Konflikte zwischen Familie und Beruf. Diese Faktoren tragen dazu bei, dass es neben dem Kompositionseffekt einen (negativen) „Einkommenseffekt“ gibt: Frauen erzielen auch in programmierintensiven Berufen geringere Einkünfte als ihre männlichen Kollegen. Ohne diese beiden Effekte, so errechnen die Autorinnen, hätten sich die Einkommen von Männern und Frauen mit College-Abschluss um mehr als zehn Prozent über die tatsächliche Konvergenz hinaus angenähert.

          Der Befund ist klar, doch die Lösungsvorschläge bleiben vage: mehr Frauen in die Informatik, mehr Genderbewusstsein in den Personalabteilungen? Radikaler lösen lässt sich das Problem durch Fiktion: Der Autor Andreas Eschbach zum Beispiel lässt seinen Roman „NSA“ (erschienen 2018 bei Bastei Lübbe) in einer alternativen Welt spielen, in der die Computertechnologie bereits in den 1940er Jahren weit entwickelt ist. Ein „Nationales Sicherheits-Amt“ nutzt diese Möglichkeiten im Auftrag des Nazi-Regimes zur totalen Überwachung.

          Eine der interessanteren Besonderheiten der fiktiven Parallelwelt besteht darin, dass alle Programmiererinnen Frauen sind. In der Tradition der Computerpionierin Ada Lovelace gilt ihre Tätigkeit, das „Stricken“ von Programmen, als weiblich. Dieses überraschend emanzipiert wirkende Detail wird dadurch konterkariert, dass den Männern, die als „Analysten“ die höheren Hierarchieebenen besetzen, das Programmieren als niederes Handwerk gilt. Selbst mit etwas schriftstellerischer Phantasie lässt sich die Ungleichheit offenbar nicht so einfach aus der Welt schaffen.

          Zur Studie

          Cheng, Siwei; Chauhan, Bhumika; Chintala, Swati (2019): The rise of programming and the stalled gender revolution. In: Sociological Science 6, S. 321-351. DOI: 10.15195/v6.a13.

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