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Jakob Taubes und Carl Schmitt : Nimm und lies nicht

Die Gesellschaft von Linken genügte ihm nicht, daher suchte Jakob Taubes (mit Pfeife, neben Herbert Marcuse am 12. Juli 1967 in der FU Berlin) das Gespräch mit Carl Schmitt. Bild: Ullstein

Als gäbe es noch keine Forschung zu den beiden Autoren: Am Einstein-Forum in Potsdam palavert man zwei Tage lang über Jakob Taubes und Carl Schmitt.

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          Wer noch nicht genug habe, mit diesem Hinweis schloss die Gastgeberin die zweitägigen Beratungen im Potsdamer Einstein-Forum über Jacob Taubes und Carl Schmitt, könne in Berlin am Abend noch Christian Meier hören, der in der Humboldt-Universität eine Carl-Schmitt-Vorlesung hielt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          41 Jahre zuvor hatte Meier ebenfalls in Berlin gesprochen, über „Aischylos und das Politische bei den Griechen“, in der Freien Universität, als Gast von Taubes in dessen Hermeneutischem Colloquium. Im Einladungsschreiben hatte Taubes erläutert, dass schon der Vortragstitel an „die Thesen von Carl Schmitt“ anknüpfe. Der Vortrag frage aber „zurück in die Konstitution der griechischen Polis wie sie in den ,Eumeniden‘ des Aischylos nicht nur geschildert wird, sondern darstellend sich vollzieht“. Es ist unklar, ob das im folgenden Satz formulierte Agendum Instruktionen Meiers oder Erwartungen von Taubes spiegelt: „Frage, ob von diesem Ursprung her auch die in der Krisenkonstellation der Weimarer Republik gebotene Ortsbestimmung des Politischen durch Carl Schmitt nicht nur eingeholt als auch überholt werden könnte.“ Den Gast charakterisierte Taubes als „einen der wenigen theorie-durchfurchten deutschen Historiker“.

          Der Rundbrief wird im Apparat des Briefwechsels von Taubes und Schmitt zitiert, der 2012 bei Fink erschienen ist. Erhalten hat sich das Schreiben im Nachlass von Schmitt. Am 3. Dezember 1978 hatte Taubes ihm mitgeteilt, dass Meiers „aus vielen Vorarbeiten und Entwürfen“ entstandener Vortrag „ganz hervorragend“ angekommen sei – willkommene Atempause in einem „Bürgerkrieg im Institut“, über den der Brief keine Neuigkeiten bot, da er sich „in Formen“ vollziehe, „die unter dem Niveau einer Berichterstattung liegen“. Der erst 1977 einsetzende Briefwechsel zwischen dem „Erzjuden“ (Taubes über Taubes) und dem Erz-Antisemiten umfasst nur 47 Stücke, füllt aber mit Kommentierung und umfänglichen Beigaben einen Band von 328 Seiten.

          Wie lautet das Problem?

          Damit gibt es eine philologische Grundlage für die Beschäftigung mit dem ungleichen Paar und allen wissenschaftlichen Problemen, die sich an die Zweierkonstellation anschließen lassen, Problemen der Ideengeschichte der Bundesrepublik, aber auch Fragen zu den Gegenständen im Umkreis der sogenannten politischen Theologie, die den Stoff der Briefe liefern. Man müsste sich nur darüber klarwerden, welche Probleme man untersuchen will, und könnte aus dem Vollen schöpfen.

          In Potsdam war diese vorgängige Klärung unterblieben. Die Tagung sollte „Jacob Taubes und linke Leser Carl Schmitts“ behandeln, aber kurioserweise kam außer Walter Benjamin und Giorgio Agamben kein solcher Leser zur Sprache. Oder hatten die Berühmtheiten unter den Referenten sich selbst im Sinn? Sie berichteten jedenfalls ausführlich darüber, wer ihnen wann den Tipp gegeben hatte, Schmitt zu studieren („lies das, aber pass auf“). Wo Anekdoten mit Gemeinplätzen gemischt werden, produziert man nicht Begriffe, sondern Meinungen. Was ist auf den „Eindruck“ des preisgekrönten Universalgelehrten zu geben, dass es Schmitt im „Begriff des Politischen“ nicht um die Einhegung der Feindschaft gehe? So viel oder so wenig wie auf die zeitdiagnostische Impression des nicht weniger vielseitigen Kollegen, eine „Ethik der Diversität“ verfolge heute „alles, was nicht zu ihr passt, mit unbefriedetem Hass“.

          Der Mitherausgeber des Briefbandes hielt einen Vortrag über die Briefe, als gäbe es den Band nicht. Wer dabei gewesen ist, „kann nur traurige Gedanken über den Fortschritt in der Wissenschaft hegen“ (Taubes an Schmitt, 18. September 1978).

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