https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/plagiatsdebatte-ein-blick-ins-gesetz-18461617.html

Plagiatsdebatte : Ein Blick ins Gesetz

  • -Aktualisiert am

Was wissen Soziologen über Plagiate? Replik auf Klaus Ferdinand Gärditz.

          3 Min.

          Am 2. November stand an dieser Stelle ein Kommentar des Bonner Rechtswissenschaftlers Klaus Ferdinand Gär­ditz, der in missbilligender Weise auf das soziologische Halbwissen um juristische Begriffe reagiert und dies als Indiz dafür aufführt, dass man in der Soziologie „uninformiert über alles Mögliche plaudern“ könne. Die vorliegende Replik bezweckt zweierlei: Statt einer Ehrenrettung unseres Fa­ches gilt es zum einen, an einige der berechtigten soziologischen Frage­stel­lungen zum Thema Plagiate zu erinnern, die meine Kollegen bereits teilweise aufgeworfen hatten. Zum anderen gebührt den Kritikpunkten von Gärditz Anerkennung, trotz un­nötiger Seitenhiebe.

          Die Zeitschrift „Soziologie“ hatte neulich, angestoßen durch eine Stellungnahme unserer Fachgesellschaft zum Plagiatsfall Koppetsch, ein Symposion rund um Plagiate abgedruckt: Zu Wort kamen dort die Soziologen Armin Nassehi, Dirk Baecker, Björn Krey und Stefan Hirschauer sowie der der Journalist und Jurist Jochen Zenthöfer. Der unerfreuliche Anlass diente erfreulicherweise dem Vorhaben, das meist nur juristisch und moralisch verhandelte Problem um Plagiate und geistiges Eigentum im weiteren Sinne soziologisch einzuholen.

          Bereits eingangs wird die Frage aufgeworfen, welche Gründe es eigentlich für die Namensnennung vor wissenschaftlichen Publikationen geben mag („Wer will noch leisten, [wer] mit Namen nicht genannt wird?“). Auch die Überlegungen zur prinzipiellen Nichtausschließbarkeit und Remix-Logik von Wissensgütern („Diebstahl [verspricht] eigentlich nur Gewinn, wenn der entwendeten Sache keinerlei Spur ihres Eigentümers mehr anzusehen ist“) versprechen spannende Anschlussfragen. Empirisch belegbar ist ein soziales Problem hinter der un­gebetenen Übernahme fremder Textfetzen: dass sie kol­legiale Beziehungen irritieren könnte. Nicht zuletzt ist die Einsicht in die dialektische Be­schaffenheit des Erkenntnisfortschritts in einer Wissensgesellschaft bedenkenswert: Originelles, scheinbar Neuartiges fußt ge­rade auf dem Imitierten und Ge­wohnten, indem es vorige Momente aus dem relevanten Fachdiskurs mit sich führt.

          Terminologische und juristische Klarheit nötig

          Schon anhand dieser Punkte wird offenbar, dass sich die soziologische Auseinandersetzung mit vorwiegend juristischen Problemen lohnt. An­greifbar macht sie sich, wenn juristische Kategorien verkürzt, verallgemeinernd oder gar falsch dargestellt werden. Bringt Gärditz terminologische Klarheit in das defizitäre Wissen zu geistigen Eigentumsrechten an (wissenschaftlichen) Texten?

          Recht hat er zwar mit der Feststellung, dass die Gewährung von Urheberrechten eine gewisse Schöpfungshöhe voraussetzt, die in wissenschaftlichen Publikationen oft nicht erreicht wird. Veräußerbare Nutzungsrechte und die mehr oder weniger angemessene Vergütung der Arbeit der Publizierenden werden aber im Urheberrecht definiert (§ 32a UrhG). Auch die Möglichkeit, freie Lizenzen für Werke einzuräumen, ist zumindest hierzulande an das gesetzlich gewährte Urheberpersönlichkeitsrecht ge­bun­den. Und gerade an Fällen wie Koppetsch wird auffällig, dass Verwertungsrechte von Verlagen bei Wissenschaftlern von gewissem Renommee eben doch eine Rolle spielen. Dass darüber hinaus die Oligopolpflege wissenschaftlicher Großverlage durch doppelte Abschöpfung von öffentlich finanzierter Wissensarbeit und deren Veröffentlichung nicht für alle Disziplinen wünschenswert sein kann, sollte auch Gärditz einleuchten.

          Eine soziologische Frage?

          Zwar sind viele der von ihm erwähnten Probleme bezüglich Plagiaten stichhaltig, etwa die Frage, warum wissenschaftlich unredliche Strategien wie die Fälschung von Messergebnissen selten sanktioniert werden. Ist das aber der Fall, weil man sie besonders schlecht nachweisen kann, oder vielleicht doch, weil unsere Gesellschaft starke Prinzipien geistigen Eigentums hat? Und ist das dann eine rein juristische oder nicht auch eine soziologische Frage?

          Wenn sich Gärditz jedenfalls an irgendwo aufgeschnappten Klischees über die Gesellschafts- und Geisteswissenschaften und ihre „adipöse[n] Texte“ abarbeitet und glaubt, sich von jenen schon durch ein wenig juristische Sophisterei abgrenzen zu können, klebt er sich selbst ein Etikett an, das ihm wohl ebenso wenig gerecht wird wie das Etikett „Plauderfach“ der Soziologie: „Dem Juristen ist alles Recht wie dem Metzger alles Wurst.“ Wie sehr es statt solchem Distinktionsgehabe vonnöten wäre, dass sich Soziologie und Rechtswissenschaften öfter freiwillig gegenseitig aufklären, ist evident: Probleme rund um „geistiges Eigentum“ sind nur ein einschlägiger Fall.

          Jetzt mit F+ lesen

          Oliver Bierhoffs Abgang : Befreiungsschlag für den DFB

          „One Love“ und „Mund zu“ waren die letzten Fehler, die sich DFB-Direktor Oliver Bierhoff erlauben durfte. Sein Rückzug beendet eine Ära, die zwiespältiger nicht sein könnte. Was wird nun aus Hansi Flick?
          Die meisten Häuser sind nach 15 Jahren noch nicht abbezahlt. Was dann?

          Immobilienfinanzierung : Bank oder Bausparkasse?

          Was sollten „verzweifelte“ Mieter tun, um jetzt noch an einen Hauskredit zu kommen? Die Devise lautet: Finger weg bei Schnäppchen von Banken und Bausparkassen. Sonst wird es teurer!

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.