https://www.faz.net/-gwz-9uw0b

Peter Burke über Leonardo : Dies Bildnis ist entzaubert schön

Wie man über dem Staunen nicht den Kopf verliert: Oliver Abraham fotografierte Peter Burke Anfang Mai 2019 in Köln. Bild: Oliver Abraham

Unter dem Strich des Leonardo-Jahres: Peter Burke spricht in Köln über die Mona Lisa. Der Historiker sagt dem berühmtesten Gemälde der Welt eine China-Tournee voraus.

          2 Min.

          In der Ausstellung, die der Louvre zur Feier des fünfhundertsten Todestags von Leonardo da Vinci ausrichtet, ist die Mona Lisa nicht zu sehen. Das Gemälde ist in der Dauerausstellung verblieben, wo es hinter Panzerglas die Blicke der Touristen auf sich zieht. James Hall spottet im „Times Literary Supplement“ vom 13. Dezember darüber, dass das Museum die „arme Lisa“ wie eine Missgeburt behandele und in öffentlicher Einzelhaft zur Schau stelle, für alle Zeiten herausgerissen aus dem Verkehr mit anderen Werken: „a madwoman in a glass attic“, wie Hall in Anspielung auf Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“ und dessen formelhafte Rezeption in der feministischen Literaturwissenschaft schreibt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Obwohl das Bild also noch nicht einmal das Stockwerk wechseln durfte, hält der englische Historiker Peter Burke es nicht für unmöglich, dass der französische Staat die Mona Lisa noch einmal auf Weltreise schicken wird. Tourneen in die Vereinigten Staaten, nach Japan und in die Sowjetunion hatte es unter den Präsidenten de Gaulle und Pompidou gegeben. Die Chinesen würden als Nächste nach der Mona Lisa fragen, sagte Burke im Gespräch mit dieser Zeitung voraus, als er um Leonardos Todestag herum Köln besuchte.

          Obwohl Burke die Verschickung von Museumswerken aus konservatorischen Gründen skeptisch sieht, kann er dem Gedanken im Fall der Mona Lisa etwas Positives abgewinnen: Die China-Tournee würde illustrieren, dass das Bild ein Ding wie jedes andere ist, das seinen Wert aus der Zirkulation bezieht, dem Vergleich mit anderen Dingen. So hob Burke in seinen Kölner Vorträgen zur Arbeitsweise und zur Rezeption Leonardos hervor, was ihn zum typischen oder als typisch wahrgenommenen Renaissancekünstler machte.

          Gegen den Aberglauben des Künstlerkults

          Burke zeigt sich fasziniert vom modernen Künstlerkult und will ihn entzaubern. Er verweist auf die Forschungen Dario Gambonis zum säkularen Ikonoklasmus der Attentate auf Kunstwerke. Mag man von den Tätern auch sagen, dass sie die Macht der Bilder empfinden, so wendet sich Burke gegen einen Aberglauben, der diese Macht dem Einzelbild zuschreibt: Dass die Mona Lisa besonders oft das Ziel von Attentätern wurde, lässt sich auch mit einem Nachahmungstrieb erklären, wie man ihn bei alltäglichen spektakulären Verbrechen kennt. Das Lächeln der Mona Lisa ist für Burke weitgehend eine Sache der Projektion: Man mache die Gegenprobe – bei der Interpretation der Gesichtsausdrücke in Porträts wird normalerweise jedermann etwas anderes wahrnehmen.

          Bernd Roeck zitiert in seiner Leonardo-Biographie die Behauptung Richard Muthers, die Mona Lisa lasse alle den Kopf verlieren, die von ihr sprächen, und verweist zum Beleg auf „die atemlosen Assoziationen des englischen Essayisten Walter Pater“. Burke verliert im Gegensatz zu Roeck nicht den Kopf, indem er die Bildbeschreibung in Paters Leonardo-Essay von 1869 als „außerordentliches Gedicht in Prosa“ charakterisiert, das mithin keine Ausgeburt von Schwärmerei ist, sondern ebenso ein Produkt des Kunstverstands wie das beschriebene Bild. Auch in diesem Fall stellt sich das Außerordentliche aber zugleich als etwas Typisches dar: „Es hat eine gewisse Stimmung der Zeit getroffen.“

          Weitere Themen

          Hat die Prävention ausgedient?

          Suizid-Assitenz : Hat die Prävention ausgedient?

          Jeder hat das Recht auf Hilfe beim Suizid. Das entschied das Bundesverfassungsgericht, nun soll ein Gesetz folgen. Doch wie soll die Selbsttötungen reguliert werden? Ein Gespräch mit der Psychiaterin Ute Lewitzka,

          Topmeldungen

          Der Afroamerikaner Jaques DeGraff lässt sich im Februar in New York gegen das Corona-Virus impfen.

          Impfung gegen Corona : Die alte Angst der Afroamerikaner

          In den Vereinigten Staaten lassen sich deutlich weniger Afroamerikaner impfen als Weiße. Das liegt auch an Erfahrungen, die Schwarze mit Gesundheitsbehörden gemacht haben. Viele kennen noch das Verbrechen von „Tuskegee“.
          Chinesische Soldaten in Peking

          Rüstung : Verteidigungsministerium warnt vor Bedrohung durch China

          Zwei Millionen Soldaten, rund 6850 Kampfpanzer und die weltweit größten konventionellen Raketenpotentiale: Mit seinem Militär versuche China, die internationale Ordnung entlang eigener Interessen zu ändern, warnt das Verteidigungsministerium. Auch Russland bleibe eine Gefahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.