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Soziale Systeme : Die Last des Übergangs

  • -Aktualisiert am

Schulklasse in Halle/Saale: Für Kinder ist dies meistens ein schwieriger Ort, weil er Fluktuation bedeutet. Bild: dpa

Persönlichkeitsbelastungen in einer Biographie sind keine Seltenheit. Verantwortlich dafür sind dauerhafte Krisen – und die Differenzierung der Moderne. Tauchen sie später auf, sind sie umso komplizierter.

          Wenn Soziologen von Krisen sprechen und vor allem, wenn sie es öffentlich tun, haben sie normalerweise irgendein Sozialsystem in beklagenswerter Lage vor Augen: die Finanzmärkte, die Mittelschicht und pünktlich zum Soziologentag dann natürlich immer wieder auch die moderne Gesellschaft im Ganzen. Dabei wird natürlich nicht übersehen, dass es auch psychische Krisen geben kann, aber mindestens der Nichtsoziologe muss den Eindruck bekommen, als würden solche Persönlichkeitsbelastungen immer nur im Gefolge einer sozialen Krise auftreten, zum Beispiel nach betriebsbedingten Massenentlassungen.

          Das ist nicht unzutreffend, aber doch missverständlich, denn es legt die Schlussfolgerung nahe, ungestörte Institutionen würden eine ungestörte Mitwirkung gestatten. Wie wenig dies zutrifft, lehrt das imponierende Lebenswerk Ulrich Oevermanns, in das es nun, verfasst von den beiden Mainzer Erziehungswissenschaftlern Detlev Garz und Uwe Rauen, eine übersichtlich gebaute und gut lesbare Einführung gibt.

          Der berühmte Frankfurter Soziologe, der 2008 emeritiert wurde, tauchte gegen Ende der sechziger Jahre im Umkreis von Jürgen Habermas auf, von dem er sich alsbald wieder löste. Sein eigener Denk- und Berufsweg führte ihn zunächst in die Bildungsforschung, die damals freilich noch andere Themen hatte als nur die nur methodisch, aber nicht auch theoretisch anspruchsvolle Dauerklage über soziale Ungleichheiten, in der sie sich unterdessen erschöpft. Vor allem verfügte sie über eine Sozialisationstheorie, die weit über die Schulen und über die ungleichen und ungleich schulgünstigen Erziehungsgewohnheiten einzelner Schichten hinausgriff.

          Persönlichkeitsbelastend: Dauerkrise und Differenzierung moderner Gesellschaft

          Oevermann entnahm ihr die Anregung, den sozialen Werdegang der Individuen als eine Folge von kleineren und größeren Krisen zu sehen, und die erste der dabei gewonnenen Einsichten besagt: Auch ungestörte Institutionen können zur Zumutung werden, nämlich für den Neuling, der es zum ersten Mal mit ihnen zu tun bekommt. Dabei ist die Zumutung umso größer, je stärker die Institutionen sich voneinander unterscheiden. Denn dann kann die alte Situation, aus der man herkommt, auf die neue nicht vorbereiten. Nach diesem zweiten Verständnis wäre es also nicht die Dauerkrise, sondern vor allem die Differenzierung der modernen Gesellschaft, die ihren mobilen Individuen persönliche Belastungen aufbürdet.

          Die Brüche zwischen Familie, Schule und Berufswelt sind dafür ein gutes Modell. Als anonyme Situationen mit hohem und individuell adressiertem Leistungsdruck sind Schulen ganz anders strukturiert als die mehr oder minder gemütliche Familie mit ihren allseits bekannten Gesichtern und Gewohnheiten, aus der die Grundschüler kommen, und deswegen muss man Verständnis haben, wenn die Einschulung sie zunächst einmal durcheinanderbringt. Außerdem unterscheidet sich die Schule, gerade wenn sie ihre Sache gut macht, von den Organisationen der Arbeitswelt, also sind Übergangskrisen auch und gerade für den Fall eines erfolgreichen Berufseintritts vorprogrammiert. Nicht ohne Grund spricht man von Praxisschocks. Krisen dieses Typs konzentrieren sich Oevermann zufolge in den frühen Lebensabschnitten. Sie werden durch die Unerfahrenheit beim ersten Mal ausgelöst.

          Außerdem treffen sie nur den Neuling selbst unvorbereitet. Die Sozialordnung, die ihn aufnimmt, ist auf seine Verunsicherung eingestellt. Sie kommt dem Überforderten mit einer Moral der Geduld und der Fehlertoleranz entgegen, und sie versorgt ihn mit kulturellen Vorbildern sowie mit Unterstützung durch Gleichaltrige in ähnlicher Lage.

          Im reifen Erwachsenenalter treten Konflikte plötzlich auf

          Die Krisen des reifen Erwachsenen sind demgegenüber von anderer Art. Wie Oevermann zeigt, werden sie durch sein komplexes Innenleben oder durch unvorhersehbare Rollenkonflikte bedingt und treten daher für die Sozialordnung zufällig auf. Sie können daher auch nicht an Ort und Stelle kuriert werden. Die Nahestehenden sind nun ihrerseits überfordert, und stattdessen wird Hilfe durch Fernstehende angeboten: durch Psychotherapeuten und Ärzte, durch die Institutionen der Beichte und des Gerichtsverfahrens.

          Das gemeinsame Merkmal der damit angesprochenen Berufe sieht Oevermann darin, dass sie professionelle Krisenhilfe für Fremde bereithalten. Von den Schwierigkeiten dieser Aufgabe gibt sein Werk den genauesten Eindruck. Der professionelle Helfer muss einerseits das persönliche Gespräch suchen, anderseits seine Distanz bewahren. Der Hilfsbedürftige dagegen steht zunächst einmal vor einer neuen Übergangskrise, denn er muss den Schritt in die Therapie oder in das Gerichtsverfahren wagen, also zugeben, dass er seine eigenen Probleme nicht mehr ohne Unterstützung anderer lösen kann. Erwachsenen mag so etwas schwerfallen, vor allem, wenn man nicht mehr an die Lehre von der Erbsünde glaubt, der zufolge alle es nötig haben, sich fremdem Rat und ferner Supervision anzuvertrauen. Gerade angesichts dieser Schwelle sind dann auch die Nahestehenden wieder gefordert.

          Literatur

          Detlev Garz/Uwe Rauen, Theorie der Lebenspraxis: Einführung in das Werk Ulrich Oevermanns, Springer Verlag, Wiesbaden 2015.

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