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Organisationssoziologie : Wo keine Karriere, da kein Karrierist

  • -Aktualisiert am

Auf dem Weg nach oben? Bild: dpa

Fehlende Aufstiegsmöglichkeiten können in Organisationen manchmal sinnvoll sein. Das lehrt das erstmals auf Deutsch erschienene Werk des Soziologen Norbert Elias - am Beispiel von Karriere-Strukturen auf vormodernen Kriegsschiffen.

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          Warum nur gehen die schönen Mädchen so gerne mit unscheinbaren Freundinnen aus? Warum umgibt der charismatische Politiker sich bevorzugt mit bürokratischen Langweilern? Und warum schätzt der Chef den Ratschlag der Sekretärin, wo er doch auch bei Kollegen nachfragen könnte, die ihm nach Ausbildung, Berufserfahrung und Dienstrang nicht nachstehen? Doch offenbar deshalb, weil man in keinem dieser drei Fälle mit ernsthafter Konkurrenz rechnen muss und es darum sehr leicht findet, Vertrauen zu schenken - und zu verdienen.

          Niemand muss Soziologe sein, um auf diese Antwort zu kommen. Wohl aber scheint es nur Soziologen zu gelingen, sie gelegentlich zu vergessen. Und zwar tun sie dies mit besonderer Vorliebe dann, wenn sie bei der Untersuchung von Organisationen auf irgendein Aufstiegshindernis stoßen, für das es eine streng sachliche Begründung nicht gibt.

          So hat sich der amerikanische Soziologe Randall Collins einmal darüber gewundert, dass es der Chefsekretärin nicht möglich ist, sich um die Stelle ihres Vorgesetzten zu bewerben, obwohl sie, nach einigen Jahren in seiner unmittelbaren Nähe, die Amtsgeschäfte doch ebenso gut führen könne. Die Frage, welches Motiv der Chef haben könnte, auch eine mögliche Rivalin in jene Nähe gelangen zu lassen, fällt dem Konfliktforscher nicht ein.

          Sachfremde Ordnung

          Viel zu schnell nimmt er daher an, dass die künstliche Mobilitätsbarriere nur den privaten Interessen derjenigen diene, die dadurch begünstigt werden. Rein von der Organisation her gesehen, so Collins und mit ihm auch viele andere, die dieser „Theorie der sozialen Schließung“ anhängen, könnte man die Barriere jederzeit aufheben.

          Wie wenig dies zutrifft, das zeigt ein lange verloren geglaubtes Buchfragment von Norbert Elias (1897 bis 1990), das man nun wenige Jahre nach der Publikation des englischen Originaltextes erstmals auf Deutsch lesen kann. Sein Thema sind die vormodernen Karrierestrukturen auf den Kriegsschiffen der drei Seemächte England, Spanien und Frankreich.

          In allen drei Fällen gab es einerseits die Seeleute, die aus einfachen Verhältnissen stammten, und andererseits die Adeligen, die es als ihr natürliches Vorrecht ansahen, das Kriegsschiff zu kommandieren. Offiziell wurden die strategischen Entscheidungen daher von Leuten getroffen, die bestenfalls über Erfahrung mit Landkriegen verfügten, und die wirklich Berufserfahrenen waren ihnen ohne Aufstiegsmöglichkeit untergeordnet. Die Gründe für diese sachfremde Ordnung lagen nicht zuletzt darin, dass der Adelige es tief unter seiner Würde fand, das Handwerk des Seemanns zu erlernen - und sich bei dieser Gelegenheit womöglich mit ihnen gemein zu machen.

          Nicht nur aus Respekt vor dem Leistungsprinzip

          Das Aufstiegshindernis für die Seeleute führte aber nicht nur dazu, dass die Kriegsschiffe durch nautisch Ahnungslose geleitet wurden. Es erleichterte auch die richtige Arbeitsteilung in der dadurch entstandenen Situation. Immobil, wie sie nun einmal waren, hatten die Seeleute kein Motiv, ihr überlegenes Wissen eifersüchtig zu hüten. Sie konnten es vielmehr auch den Neulingen an der Spitze jederzeit mitteilen, ohne sich dadurch zu schaden. Umgekehrt konnten die Adeligen diesen Rat immer erneut annehmen, ohne damit die Überlegenheit eines möglichen Gegners anzuerkennen.

          Wie Elias zeigt, gab es diese Erleichterungen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit nur in Frankreich und Spanien. In England, auf das die Darstellung sich konzentriert, war diese Lösung verbaut. Denn immer wieder hatten die Regenten des Landes sich darum bemüht, Aufstiegsmöglichkeiten für Personen einfacher Herkunft zu schaffen. Wie Elias betont, geschah dies nicht nur aus Respekt vor dem Leistungsprinzip, sondern auch, um den Adel der Konkurrenz durch eine zweite Gruppe auszusetzen und ihn dadurch in seinem Verhältnis zur Krone zu schwächen.

          Ausbildung als Ausweg aus dem Dilemma

          Auch wenn die Aussicht auf solche Karrieren den Tod des Monarchen oft nicht überstand, hatte sie die englischen Seeleute doch früh dazu erzogen, sich als mögliche Konkurrenten der Gentlemen zu sehen. Entsprechend gering war ihre Bereitschaft, sie willig zu unterstützen. Konflikte zwischen den beiden Gruppen waren an der Tagesordnung, und nicht selten endeten sie gewaltsam. Elias erläutert dies an den dramatischen Umständen, unter denen der Weltumsegler Sir Francis Drake, selbst ein bis zur höchsten Kommandogewalt aufgestiegener Seemann, seinen adeligen Rivalen hinrichten ließ.

          Die offene Konkurrenz unter den Gruppen schnitt den Adeligen also den Zugang zu der Erfahrung ab, über welche die Seeleute verfügten. Der Ausweg aus diesem Dilemma bestand nach Elias darin, die Adeligen in eine eigene Ausbildung zu zwingen, in der sie die Kenntnisse der Seefahrer erlernen konnten, ohne sich durch Gleichstellung mit ihnen entehrt zu finden. Spätestens seit dem achtzehnten Jahrhundert waren sie daher in der Lage, die Schiffe auch ohne Unterstützung von unten zu leiten. Die unbeabsichtigte Nebenfolge der Konkurrenz bestand also in einer Professionalisierung des Marineoffiziers.

          Norbert Elias, Seeleute und Gentlemen (hrsg. von Hermann Korte), Wiesbaden 2015.

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