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Sprache und Kompetenzaneignung : Deutsch mies, Mathe ebenso

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Der Wortschatz stellt in der Schule den wichtigsten Prädikator des mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzerwerbs dar. Bild: Frank Molter/dpa

Die ungleichen Startbedingungen von Kindern aus Migrationsfamilien gleicht auch die Schule nicht aus: Neue Befunde legen nahe, dass mangelnde Sprachkenntnisse auch den mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzerwerb hemmen. Welche Rolle spielt der Wortschatz wirklich?

          Bereits mehr als ein Drittel der drei- bis sechsjährigen Kinder in Deutschland haben heute einen Migrationshintergrund. Zwar besuchen rund 90 Prozent dieser Kinder eine Kita, aber nur 27 Prozent von ihnen sprechen zu Hause deutsch. Die Brisanz solcher Befunde wird allerdings häufig mit der Erwartung relativiert, die Schule würde diese ungleichen Startbedingungen schon ausgleichen. Tritt diese Erwartung dann nicht ein, ist natürlich die Schule schuld.

          Doch auch ein zweiter Einwand gegen die negativen Folgen dieser mangelnden Sprachkompetenz von Kindern mit Migrationshintergrund ist häufig zu hören: In unserer heutigen technisch-wissenschaftlichen Welt seien solche Sprachmängel gar nicht mehr so schlimm, weil es doch eher auf mathematisch-naturwissenschaftliche Fähigkeiten ankomme, und nicht so sehr auf korrektes Deutsch. Doch Studien zu solchen Fähigkeiten unter Kindern aus Migrationsfamilien zeigen, dass bereits Viertklässler hier gravierende Unterschiede aufweisen. Also zusätzlich zu jenen im Spracherwerb. Doch wann entstehen sie, und wodurch werden sie beeinflusst?

          Vermutlich schon vor der Schule. Nur wusste man über die naturwissenschaftliche Kompetenz von Vorschulkindern bisher wenig. Diese Forschungslücke konnte jetzt mit Daten aus dem Nationalen Bildungspanel (NEP) geschlossen werden. Inga Hahn und Katrin Schöps haben dazu 2025 Kinder im Alter zwischen vier und sechs Jahren getestet, etwa ein Viertel von ihnen mit Migrationshintergrund. Ganz wichtig ist dabei natürlich, dass der hierzu verwendete Test fast sprachfrei, also bildbasiert durchgeführt werden konnte.

          Von der Wichtigkeit des Wortschatzes

          Unabhängig von diesem Test wurde dann auch der deutsche Wortschatz der Kinder getestet, weil die Forscherinnen von der Hypothese ausgingen, dass dieser Wortschatz wegen seiner Verbindung zum Aufbau eines kognitiv-konzeptuellen Wissens den stärksten Prädiktor der naturwissenschaftlichen Kompetenz der Kinder darstellt. Kurz: Ohne Deutschkenntnisse klappt es auch in Mathe und Technik nicht.

          Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen – leider – diese Erwartungen. Schon in diesem Alter sind die Unterschiede in der naturwissenschaftlichen Kompetenz von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund erheblich. Und das gilt auch für den Vergleich ihres Wortschatzes. In beidem schnitten Kinder aus Migrationsfamilien deutlich schlechter ab. Und das, obwohl die Kinder in dieser Studie alle bereits eine Kita besuchten.

          Der Wortschatz stellt dabei tatsächlich den wichtigsten Prädiktor für die Kompetenz in den Naturwissenschaften dar, wobei auch die Anzahl der Bücher im Haushalt und der Sprachgebrauch in der Familie starke Effekte zeigten. Immerhin konnten die Autorinnen zugestehen, dass ihre Ergebnisse größere Leistungsunterschiede in der naturwissenschaftlichen Kompetenz der Vorschulkinder zeigten als die TIMMS-Studie am Ende der vierten Klasse.

          Erfolg innerhalb eines Systems

          Die Grundschule scheint die festgestellten Kompetenzunterschiede also zu reduzieren. Die Forscherinnen betonen aber durchaus den Konjunktiv in dieser Aussage und plädieren für systematische Sprachförderungsmaßnahmen bereits in der Kita. Schließlich, und darauf kann man nie genug hinweisen, sei im deutschen Bildungssystem nun mal Deutsch die Unterrichtssprache, auch für Kinder, die daheim eine andere Sprache sprächen.

          Es gehe bei den Zielen des NEPs schließlich weniger darum, über welche Naturwissenschaftskompetenz die Kinder in ihrer Muttersprache verfügten, als darum, wie sie im institutionellen Rahmen des deutschen Bildungssystems abschnitten. Schule belohnt eben nur Performanz, also Wissen und Kompetenzen, die sich in einem vorgegebenen Rahmen darstellen und nachweisen können.

          Das schließt nicht aus, dass auch außerhalb dieses Systems Karrieren erfolgreich sein können. Doch sie sind seltener, unwahrscheinlicher und vor allem nicht schulisch planbar. Die Autorinnen nennen die Befunde ihrer Studie „besorgniserregend“. Sorgen sollte man sich in der Tat um die Schulen machen, die der gesellschaftlichen Erwartung, die Folgen der Migration auszugleichen, voraussichtlich nicht gerecht werden können.

          Literaturhinweis

          Inga Hahn, Katrin Schöps: Die Bedeutung von Struktur- und Prozessmerkmalen für die naturwissenschaftliche Kompetenz von Vorschulkindern mit und ohne Migrationshintergrund, in: Frühe Bildung (2019), 8, pp. 3-12.

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