https://www.faz.net/-gwz-8iy5r

Radikale Bewegungen : Der Frust des Akademikers

  • -Aktualisiert am

Reicht Bildung gegen Terrorismus? Bild: dpa

Propagiert wird, nur mit Bildung könne man den Terror besiegen. Der hohe Anteil an Ingenieuren unter den islamischen Terroristen spricht eine andere Sprache.

          Nach einer Alltagstheorie, der übrigens auch Karl Marx anhing, müsste sich die Bereitschaft zum Dagegensein auf den unteren Stufen der Hierarchie konzentrieren, also genau dort, wo auch die Nachteile einer ungleichen Verteilung in besonderer Konzentration anfallen.

          Überall auf der Welt haben Politiker aus dieser Theorie den Schluss gezogen, dass man die Nachteile ausgleichen muss, wenn man den Aufstand vermeiden will, und zwar unter anderem dadurch, dass man zusammen mit den Bildungschancen auch die Aufstiegschancen verbreitert. Neuerdings wird dieses scheinbar bewährte Mittel auch zur „nachhaltigen“ Bekämpfung des islamischen Terrorismus empfohlen.

          Schon seit geraumer Zeit aber sind es, und zwar wiederum weltweit, gerade die gut ausgebildeten Leute, die sich beklagen. Bei der Studentenbewegung stellte dies schon der Name klar. Aber auch an den später kommenden Protesten hatten, von Pegida hier einmal abgesehen, die Studenten und Akademiker einen deutlich überproportionalen Anteil.

          Eine Enttäuschungstheorie des Dagegenseins

          Soziologen erklären dies dadurch, dass es für die Zufriedenheit eines Menschen nicht in erster Linie auf seine objektive Lage ankommt, sondern auf ihr Verhältnis zu seinen Erwartungen und zu seiner bisherigen Selbstdarstellung. Vor allem das unerwartete Ausbleiben von Wohlstand und wirklichem Einfluss müsste demnach zu politischer Entfremdung und zu radikaler Gesellschaftskritik disponieren.

          Wenn diese Enttäuschungstheorie des Dagegenseins richtig ist, dann gibt es neben ihrer Klassenschichtung auch noch einen zweiten Unruheherd, der in die moderne Gesellschaft eingebaut ist: Er liegt in der Bildungsexpansion selbst.

          Jahr für Jahr wächst der Anteil der gut ausgebildeten Personen, und eine Generation von Bildungspolitikern nach der anderen bucht dies als großen Erfolg. Aber natürlich lässt sich die Zahl der einflussreichen und gutdotierten Stellen nicht in demselben Umfang vermehren, in dem die Zahl der dafür Qualifizierten anwächst. Die Enttäuschungen, und mit ihnen die Proteste, sind also programmiert.

          Die Anti-Bewegung der Ingenieure

          Für diese Erklärung der politischen Unruhe aus den Statusproblemen von Akademikern liegt nun ein Beleg auf dem Tisch, der es in sich hat. Er betrifft nämlich nicht die mehr oder minder gewaltfreien Protestbewegungen der vergangenen Jahrzehnte, die bei hoher Plausibilität ihrer Ziele allesamt nur wenige Jahre lang durchhielten, er betrifft vielmehr den Terror der Islamisten, auf dessen baldige Erschöpfung zu hoffen leichtfertig wäre.

          Der Soziologe Diego Gambetta und der Politikwissenschaftler Steffen Hertog haben die bildungsbiographischen Daten von viertausend Aktivisten ausgewertet, um sich einen Eindruck von der sozialen Zusammensetzung dieser Trägergruppe des Unheils zu verschaffen.

          Ihr Befund lautet, dass wir es hier mit einer Bewegung der Ingenieure sowie der Absolventen technischer Studiengänge zu tun haben. Während die so Ausgebildeten kaum mehr als ein Prozent der Bevölkerung ihres jeweiligen Heimatlandes und kaum mehr als zehn Prozent seiner Akademiker stellen, sind sie unter den Terroristen deutlich überrepräsentiert. Unter den etwa zweihundert radikalen Muslimen, die sich in den Jahren seit dem 11. September 2001 durch Terrorangriffe hervortaten, stellen sie knapp die Hälfte.

          Bildungschancen ohne Beschäftigungsmöglichkeit als Ursache

          Wie die Autoren zeigen, liegt das nicht etwa daran, dass man sie als technische Hilfskräfte rekrutiert hätte, denn den Bombenbau überlassen sie anderen. Auch das möglicherweise etwas ordnungswütige Gesellschaftsbild des Ingenieurs, mit dem sie seine Überpräsenz in den rechtsradikalen Gruppierungen auch der reicheren Länder zu erklären versuchen, trifft ihnen zufolge nicht den entscheidenden Punkt.

          Dieser wird vielmehr erst deutlich, wenn man die Heimatländer der Terroristen danach unterscheidet, ob sie der technischen Intelligenz gute Chancen für Berufseinstieg und Statuserwerb bieten konnten oder ob das nicht der Fall war.

          Da gibt es Länder wie Ägypten, die ihr Bildungssystem ohne jeden Zusammenhang mit der Wirtschaftsentwicklung ausbauten. Es gibt muslimisch geprägte Länder wie Saudi-Arabien, die über eine Wirtschaft verfügen, die den technischen Fachmann zu schätzen weiß. Und es gibt die Länder des Westens, in denen er gleichfalls nicht einfach in Arbeitslosigkeit oder unterwertiger Beschäftigung endet.

          An den Ingenieuren des Dschihad haben alle diese Länder ihren Anteil, aber wie Gambetta und Hertog in immer neuen Berechnungen zeigen, variiert die Größe dieses Anteils mit dem Gefälle an zugemuteter Enttäuschung, das zwischen ihnen besteht. Den Löwenanteil stellen Länder wie Ägypten, die ihre Ingenieure zunächst als künftige Elite umschwärmten, nur um ihnen wenig später das Schicksal einer Lost Generation zuzumuten.

          Die politische Botschaft dieses faszinierenden Buches ist eindeutig: Wer Bildungschancen ausbaut, ohne für adäquate Beschäftigungsmöglichkeit sorgen zu können, kann nicht beanspruchen, dem sozialen Frieden zu dienen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.