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Nur keine Enttäuschungen : Die Macht der Erwartung

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel legt Hand auf: Gröhe konnte die Erwartungen der Kanzlerin bislang nicht vollends zufrieden stellen. Sie hatte sich erhofft, der 55-Jährige schärfe das soziale Profil der Partei. Bild: Maximilian von Lachner

Gemeinwesen eint nicht zuletzt das, womit ihre Mitglieder glauben rechnen zu können. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist das äußerst wichtig.

          Erwartungen sind etwas so Selbstverständliches, dass man fast sagen könnte, die Gesellschaft bestehe aus Erwartungen. Ohne die Gewissheit, dass meine Erwartungen sich bestätigen werden, wäre kein soziales Leben möglich. Daran ändert auch nichts, dass man oft gerade das Unerwartete erwartet, etwa wenn Wissenschaftler etwas Neues entdecken sollen oder generell wenn an unsere Kreativität appelliert wird. Erwartungen können sehr grundsätzlicher Art sein – zum Beispiel dass alles so bleibt, wie es ist. Oder sehr spezifisch, wenn sie sich auf das erwartete Eintreten eines ganz bestimmten Ereignisses beziehen. Auch nehmen Erwartungen oft die Gestalt von Hoffnungen an, etwa die, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben werden. Meistens beziehen sich Erwartungen aber auf das Verhalten anderer, von denen wir eben ein ganz bestimmtes, typisches Verhalten erwarten. Ganz häufig richten sich Erwartungen auch auf das Verhalten nichtmenschlicher Akteure – wir erwarten das Funktionieren unserer technischen Artefakte, ja der ganzen sogenannten „Infrastruktur“ der modernen Gesellschaft. Die wichtigste Erwartung ist aber die, dass meine Erwartungen nicht enttäuscht werden.

          Das Problem ist nur, dass sich Erwartungen immer auf zukünftige Ereignisse beziehen. Plane ich etwa für das kommende Wochenende einen Ausflug mit der Erwartung, am Samstag schönes Wetter zu haben, sollte ich mich wenigstens mal über die Wetterprognose informieren. Und dennoch ist es natürlich völlig unmöglich, alle für den Ausflug relevanten Erwartungen zu überprüfen. Es könnte sogar sein, dass sich meine Erwartung, am Wochenende tatsächlich immer noch einen Ausflug machen zu wollen, dann am Ende als Selbsttäuschung herausstellt, weil sich meine eigenen Präferenzen inzwischen geändert haben. Unser ganzes tägliches Handeln besteht also aus Fiktionen, so der Kölner Soziologe Jens Beckert in seinem Buch „Imagined Futures“. Wir phantasierten uns nicht willkürlich irgendwelche Zukünfte zusammen, so Beckert, doch rational könnte man Erwartungen auch nicht nennen. Rationales Handeln setze schließlich voraus, dass alle Beziehungen, die eine Situation beeinflussten, identifiziert seien. Auch dem soziologischen Laien dürfte klar sein, dass das schlicht unmöglich ist. Stattdessen erzählen wir uns Geschichten, die uns im Moment einer Entscheidung als hinreichend glaubwürdige Beschreibungen der Zukunft erscheinen. Und meistens, ließe sich ergänzen, kommen wir damit ja auch gut durch.

          Soziale Positionen und die kulturellen Strukturen

          Für die Soziologie steckt dahinter aber ein großes Problem. Woher kommen Erwartungen, wenn sie nicht das Ergebnis der Verarbeitung korrekter und vollständiger Informationen sind? Wer oder was hilft uns dabei, aus dem Meer möglicher Erwartungen die für uns passenden auszuwählen? Beckert nennt sieben soziale Einflussfaktoren, die gewissermaßen an unseren Geschichten mitschreiben: Institutionen, soziale Positionen, Netzwerke, kalkulative Instrumente, kulturelle Strukturen, Reflexivität und sogenannte Protentionen. Für die Gesellschaftstheorie besonders interessant sind hier soziale Positionen und die kulturellen Strukturen. Schon der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat darauf hingewiesen, dass die Fähigkeit, über realistische Erwartungen an die eigene Zukunft zu verfügen, selbst zum kulturellen Kapital einer Person gehört. Bourdieu zufolge verfügten Angehörige sozialer Unterschichten generell über geringere Fähigkeiten, halbwegs kohärente Vorstellungen über ihre Zukunft oder die ihrer Kinder zu formulieren.

          Ihre Erwartungen erschöpften sich in völlig unrealistischen Träumen von phantastischen Aufstiegen, aus denen dann meistens nichts wird. Angehörige von Mittelschichten hingegen mit Schulbildung und Berufserfahrungen verfügten über viel konkretere Vorstellungen von sozialem Aufstieg, von Positionserhalt und langfristigen Strategien zur Sicherung der eigenen Leistungen. Man sollte also nicht nur Erwartungen an die Zukunft haben, man muss auch wissen, wie man sie verwirklichen kann. Die Erwartung, Leben sei gestaltbar, Erfolg sei machbar, ist insofern selbst eine wertvolle soziale Kompetenz, die natürlich – und das führt zur Kultur – von äußeren Faktoren gestützt oder bedroht werden kann.

          Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind geteilte Erwartungen von Erwartungssicherheit von kaum zu überschätzender Bedeutung. Das Narrativ möglicher Aufstiegsmobilität, so Beckert, erwies sich in den Nachkriegsjahrzehnten für die westlichen Industriegesellschaften als zentral. Wenn Aufstiegserwartungen zu gemeinsam geteilten Aufstiegserfahrungen einer ganzen Generation werden, die eben auch von entsprechenden Institutionen im Bildungssektor und der Wirtschaft gestützt werden, können sich solche Erwartungen zu Quasi-Gewissheiten verdichten. Umso schwieriger wird es aber – diese Erfahrung macht auch die deutsche Gesellschaft derzeit durch –, diese Meta-Narrative am Leben zu erhalten, wenn ihnen widersprechende Erfahrungen selbst zur Erwartung wachsender Anteile der Bevölkerung werden. Nichts ist für Gesellschaften fataler als die Überzeugung, am besten nichts mehr zu erwarten.

          Jens Beckert: Woher kommen Erwartungen? Die soziale Struktur imaginierter Zukünfte. MPI für Gesellschaftsforschung Discussion Papers 17/17.

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