https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/neue-erkenntnisse-wie-empathie-entsteht-16181388.html

Neue Erkenntnisse : Wie entsteht Empathie?

  • -Aktualisiert am

Was geht in dir vor? Einfühlungsvermögen gehört zu den Fertigkeiten, die uns menschlich machen. Bild: plainpicture/Ramesh Amruth

Wenn andere Menschen sich weh tun, leiden wir mit. Wenn sie sich freuen, freuen wir uns auch. Wenn sie gähnen, gähnen wir mit. Woher kommt das? Die Forschung hat neue Antworten.

          3 Min.

          Einfühlungsvermögen ist ein zutiefst im Menschen verankerter Mechanismus. Wir lachen, wenn andere lachen; wir empfinden Ekel, wenn andere sich ekeln, und verspüren Pein, wenn andere gepeinigt werden. Viele Theorien zur Entstehung von Empathie gehen davon aus, dass sie etwas mit dem Wunsch nach Kooperation und Gemeinschaft zu tun hat. Wir sind mitfühlend, weil wir uns mit unseren Mitmenschen zusammenschließen und mit ihnen zusammenarbeiten wollen.

          Fabrizio Mafessoni vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Michael Lachmann vom Santa Fe Institute in New Mexiko haben nun eine ganz andere Erklärung gefunden. Der eigentliche Ursprung der Empathie liegt nach Ansicht der beiden Wissenschaftler in der Notwendigkeit, in unklaren sozialen Situationen ohne viel Information einschätzen zu können, was die anderen beteiligten Personen denken und tun werden.

          Mafessoni und Lachmann halten Empathie für das Nebenprodukt eines kognitiven Simulationsprozesses, bei dem die Situation durchdacht wird und der nur dann notwendig ist, wenn die Reaktionen der Beteiligten wenig oder gar nicht offensichtlich sind. Diese Sichtweise wirft ein neues Licht auf das Phänomen der Empathie. Die Wissenschaftler stützen ihr Fazit auf spieltheoretische Analysen, mit denen sie den Ausgang verschiedener Szenarien berechnet haben. Veröffentlicht haben sie ihre Ergebnisse in der renommierten Fachzeitschrift „Scientific Reports“.

          Spieltheorie und kognitive Simulation

          Hinter Mafessonis und Lachmanns Analysen stand zunächst der Wunsch zu verstehen, wie Menschen in komplexen, undurchsichtigen sozialen Situationen reagieren, wenn ihnen Gelerntes nicht weiterhilft und für neues Lernen keine Zeit bleibt. Menschen fangen in solchen Situationen offensichtlich an, die Umstände gedanklich zu simulieren. Das gibt ihnen die Möglichkeit, an ihre eigenen Erfahrungen anzuknüpfen und sich zu überlegen, was sie in dieser Situation wohl tun würden, ohne dass ihnen dabei im Voraus klar ist, welche Lösungen möglich sind und welche Schlussfolgerungen sie aus diesen Überlegungen ziehen werden.

          Menschen können damit zwar nicht in das Gehirn ihres Gegenübers schauen, aber gute Vorhersagen darüber machen, was die anderen wahrscheinlich tun werden und wie sie darauf am besten reagieren sollten.

          Auch die sogenannten Spiegelneurone simulieren. Das ist eine Gruppe von Nervenzellen, die nicht nur aktiv ist, wenn jemand selbst eine Tätigkeit ausführt, sondern auch, wenn jemand einer anderen Person beim Ausführen dieser Tätigkeit zuschaut. Weil der Beobachter in einem solchen Fall also nichts selbst macht, sondern nur seine Spiegelneurone entsprechende Signale abfeuern, muss es einen Mechanismus geben, der die eigentliche Tätigkeit blockiert.

          Krankhafte Formen der ungehemmten Simulation

          Niemand schneidet sich in den Finger, nur weil er jemandem zuschaut, der dies gerade tut. Es muss also ein Inhibitionssystem geben, das die Aktivität der Spiegelneurone von der eigentlichen Aktivität abkoppelt. Ein solches System verhindert nach Ansicht von Mafessoni und Lachmann auch, dass jemand bei der kognitiven Simulation einer informationsarmen, komplexen sozialen Situation dem Verhalten der anderen blind folgt oder in unangemessener Weise reagiert.

          Allerdings funktioniert diese Hemmung nicht immer korrekt. Als Beispiel führen die Forscher das Gähnen an. Wer andere gähnen sieht, fängt selbst an zu gähnen. Dafür gibt es viele mögliche Erklärungen. Eine besagt, dass dieses tiefe Einatmen das Gehirn aus seinem Dämmerzustand holt, es besser durchblutet und abkühlt. Mafessoni und Lachmann betrachten das Gähnen auch als eine nicht gehemmte Simulation, die von der Evolution toleriert wird, weil sie demjenigen, der sich vom Gähnen anstecken lässt, nicht schadet.

          Allerdings gibt es auch krankhafte Formen der ungehemmten Simulation. Dazu gehören zum Beispiel die Echolalie und die Echopraxie. Echolalie bezeichnet das stereotype, sinnlose Nachsprechen von Worten, Sätzen oder Geräuschen. Bei der Echopraxie werden Bewegungen und Bewegungsabläufe automatisch und zwanghaft nachgeahmt und wiederholt.

          Evolutionäre Tauschgeschäfte

          Was hat das alles mit Empathie zu tun? Mafessoni und Lachmann vermuten, dass es evolutionäre Tauschgeschäfte gibt, bei denen die Hemmung der neuronalen Prozesse bei der Simulation einer komplexen sozialen Situation dem Betrachter nicht geboten erscheint – in diesen Momenten hält er es offensichtlich für besser, mit den anderen zu lachen, mit ihnen zu weinen oder zu leiden, auch wenn er keinen unmittelbaren Nutzen daraus zieht und er nach dem Ergebnis seiner kognitiven Simulation eigentlich etwas anderes tun müsste.

          Das könnte zum Beispiel eine Situation mit einem besonders starken Stimulus sein oder eine Situation, in der er einer beteiligten Person besonders stark schaden würde. Empathie und das, was die Psychologen als Gefühlsansteckung bezeichnen, also das Zeigen der gleichen Gefühle durch Mimik und Gestik, scheint demnach ein Verhalten zu sein, dass als Nebenprodukt des Gedankenlesens in komplexen, unklaren sozialen Situationen entstanden ist.

          Mafessoni und Lachmann stellen in ihrer Veröffentlichung daher auch die interessante Frage, ob Menschen, die in ihrem Kopf mehr simulieren als andere, letztlich auch empathischer sind. Diese Frage ist auch im Hinblick auf die Psychopathie von Interesse. Denn Psychopathen quälen und misshandeln andere auf oft mitleidlose, grausame und kaltherzige Weise.

          Es ist viel darüber diskutiert worden, ob Psychopathen keine Empathie besitzen oder ob sie diese gezielt aktivieren müssen. Schätzungen gehen davon aus, dass eine von hundert Personen ein Psychopath ist. Männer sind viermal häufiger betroffen als Frauen. Zwillingsstudien zeigen, dass Vererbung eine Rolle spielt. Spitze Zungen behaupten, dass ein Teil der Psychopathen im Gefängnis sitzt, ein anderer Teil sich auch in einigen Chefetagen der Wirtschaft wiederfindet.

          Jetzt mit F+ lesen

          Eine Schule wird zum Ort der Trauer: Mitschüler und Angehörige gedenken der 21 Menschen, darunter 19 Kinder, die an der Grundschule erschossen wurden.

          Über Amokläufer in Uvalde : „Mein Sohn war kein Monster“

          Nachdem ein 18 Jahre alter Mann 19 Kinder und zwei Lehrerinnen in Texas tötete, suchen die Ermittler immer noch nach einem Motiv. Sein Umfeld zeichnet das Bild eines aggressiven Einzelgängers.

          Krieg in der Ukraine : Er würde Putin am liebsten hängen

          Der Krieg verändert jeden: Die einen zerbrechen, die anderen wachsen über sich hinaus. Drei Begegnungen in Odessa, einer Stadt, die Putin unbedingt erobern will.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Zertifikate
          Weiterbildung in der Organisationspsychologie
          Sprachkurse
          Lernen Sie Italienisch
          Englisch
          Verbessern Sie Ihr Englisch