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Netzwerkbildung : Die akademischen Gegengesellschaften formieren sich

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Die Vereinzelung fördert die Gruppenbildung: Ein Gesetz des Wissenschaftsbetriebs, dessen Geltung in der Zeit der Pandemie besonders deutlich hervortrat. Bild: Lando Hass

In Netzwerken organisieren sich Wissenschaftler, die den Fächern misstrauen und auf politische Steuerung hoffen. Genderforscher und ihre Kritiker bilden denselben Habitus aus.

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          Klandestine Gegenöffentlichkeiten in Politik und Wissenschaft haben Konjunktur. Ihre Existenz deutet darauf hin, dass die Öffentlichkeit von Fächern und Wissenschaftspolitik in die Krise geraten ist. Die gemeinsame Welt eines Faches oder der Wissenschaft, die man als Ergebnis von Aushandlungen verstehen muss, verschwindet. Ergebnis des taktisch motivierten Rückzugs aus der gemeinsamen Welt ist eine spezifische Form der „Weltlosigkeit“ (Hannah Arendt) der Netzwerke und Mikrogesellschaften. Man betrachte beispielhalber eine Auswahl jüngerer Gründungen aus Fach- und Wissenschaftspolitik: Es gibt das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, das Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung in Nordrhein-Westfalen, das Netzwerk Digitale Bildung, die Gesellschaft für interkulturelle Germanistik, die Gesellschaft für Interkulturelle Philosophie und so weiter.

          Sie alle wenden sich gegen eine wissenschafts- oder fachpolitische Öffentlichkeit, in der sie sich und ihre Ziele nicht repräsentiert sehen. Sie verstehen sich als Forum des wissenschaftlichen oder wissenschaftspolitischen Austauschs, suchen aber auch die Nähe zur Politik beziehungsweise zu denjenigen politischen Akteuren, von denen sie sich Unterstützung erhoffen. Sie sind also häufig Lobbyisten in eigener Sache und befeuern Trends der Forschung und der Lehre. Ein Fach wie „Genderforschung“, das interessante Schnittstellen der Disziplinen bearbeitet, muss sich mit der Öffentlichkeit vieler Disziplinen be­schäftigen, da Genderforschung in der Medizin etwas anderes bedeutet als die Frage nach dem sozialen Geschlecht in der Soziologie oder in der Germanistik.

          Die Netzwerke begehren somit politische Steuerung zugunsten von Themen, Trends und Theorien. Auf der anderen Seite wittern sie in der vermeintlich offiziellen Wissenschaftspolitik und in der Öffentlichkeit der Fächer die Unterdrückung von Forschungs- und Themenfreiheit. Sie klagen über nichtwissenschaftliche Zielvorgaben, sehen sich aber auch als Opfer hegemonialer Strukturen in Wissenschaft und Öffentlichkeit.

          Subalterne aller Fraktionen

          Sie glauben häufig, eine Wissenschaft der Subalternen zu repräsentieren, die Wissenschaft einer Gruppe also, die aus der Hegemonialkultur ihres Faches ausgeschlossen worden ist. Die Geschichte der Subalternen, die nach Antonio Gramsci „notwendigerweise bruchstückhaft und episodisch“ ist, erlaubt den Subalternen aller Fraktionen, die Frage nach der kulturellen Repräsentation ihrer Identität, ihrer politischen Agenda oder ihrer Geschichte anders zu stellen. Die subalternen Subjekte, die „per definitionem keine vereinheitlichten sind“, sind fragmentiert, unterrepräsentiert, nicht sichtbar.

          Die Subalternen der Wissenschaftspolitik werden durch die Auseinandersetzungen um Hegemonialtendenzen in der Wissenschaftspolitik und der sozialen Ordnung erst hervorgebracht. „Diese Verhältnisse“, schreibt Gramsci, „sind nicht mechanisch. Sie sind tätig und bewusst, das heißt, sie entsprechen einem größeren oder geringeren Grad des Verständnisses, das der Einzelmensch von ihnen hat. Daher kann man sagen, dass jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, indem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden lässt und verändert.“

          Die Hoffnung, anders zu sein und zu verändern, bestimmt einen Typus des Akteurs, den man den subalternen Diskurspunk nennen kann. Er kombiniert ein Interesse an der Unterbrechung von Routinen mit permanentem Schreiben in den sogenannten sozialen Medien und pflegt ein Faible für Verfahrensfragen und Rechtsgrundlagen. Die Funktion des Diskurspunkts ist dabei nicht an das Alter gebunden. Verbunden werden alle Netzwerker durch das Gefühl der Isolation. Seit Jahr und Tag kaserniert in ihren Homeoffices, damit der Möglichkeit beraubt, auf Tagungen und Treffen ihrer Fachgesellschaften oder Kaffeekränzchen Dampf abzulassen, betreiben sie Blogs, schreiben exzessiv Leserbriefe und sind fast schon manisch auf Twitter unterwegs.

          Erzählerische Generalisierungen

          Die hier genannten Gegenöffentlichkeiten der Gesellschaften und Netzwerke werden zum Teil durch konspirative Narrative zusammengehalten. Narrative unterscheiden sich von einzelnen Geschichten dadurch, dass sie, wie der Konstanzer Germanist Albrecht Koschorke formuliert, „erzählerische Generalisierungen“ ermöglichen, die einen „Unterschied zur unabzählbaren Vielfalt individueller Geschichten“ machen. Narrative bringen das Individuelle mit dem Allgemeinen zusammen. Das Narrativ der Konspiration ist die Generalisierung des Verdachts, dass nichts ist, wie es offiziell zu sein scheint. Der Fragmentierung der Öffentlichkeit folgt die Fragmentierung der Wirklichkeit. Man argwöhnt, dass es eine klandestin operierende Gruppe gibt, sei es innerhalb der DFG, sei es innerhalb des Germanistenverbandes, sei es innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, die sich gegen die eigene Gruppe oder gegen die Mehrheit zusammengeschlossen hat, um die Forschungsförderung, die Germanistik oder die Philosophie zu kontrollieren. Die Trias „Heimlichkeit, Intentionalismus und Dualismus von Gut und Böse“ ist dem Tübinger Amerikanisten Michael Butter zufolge das Erkennungszeichen von Ver­schwörungstheorien. Den Institutionen und Fachgesellschaften wird eine verborgene Agenda unterstellt.

          Um dieses System zum Laufen zu bringen beziehungsweise am Laufen zu halten, sind Ereignisse wichtig, wie zum Beispiel die Entscheidung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, von Anträgen auf Forschungsförderung auch nachweisbare Maßnahmen zur Gleichstellung und zur Diversitätsförderung zu fordern. Anlässlich dieses Ereignisses werden dann Erzählungen entwickelt, welche die Ablehnung von Anträgen mit dem Verdacht unterlegen, hier sei die Gleichstellungs- und Diversitätsarmada unterwegs, die gesellschaftliche oder politische Ziele, denen die DFG als Empfängerin von Steuergeldern verpflichtet sein muss, über die Qualität von Anträgen stelle. Für andere, die in der fragmentierten Öffentlichkeit ihres Ansatzes leben, ist der vermeintliche Ausschluss des Kolonialismus als Machtgeschichte aus der Literaturgeschichte das Ergebnis eines Komplotts. Für diesen Ansatz gilt dann die Erzählung, die mit Metaphern der Psychoanalyse arbeitet: Verdrängung, Verschweigen, Tabus. Die Arbeit an der Sache der Literatur wird zur Arbeit an der Identität. Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten gilt dann nicht nur für das psychoanalytische Verfahren. Vielmehr wird das ganze Fach einer Analyse unterzogen.

          Niemand kann ernsthaft behaupten, dass eine oder gar die Wissenschaft sich im politisch aseptischen Raum bewegt. Wissenschafts- und Förderpolitik werden aber nicht von Geheimgesellschaften gelenkt. Sie sind Ergebnisse demokratischer Prozesse. Man kann über die Ziele streiten, aber dann muss man dies im politischen Raum tun.

          Von Tatsachen zu Streitsachen

          In den Zirkeln der Unter- und Gegengesellschaften verbreitet sich, so kann man die Überlegungen der Basler Germanistin Nicola Gess aus ihrem fulminanten Buch „Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit“ (Mat­thes & Seitz) auf unseren Gegenstand anwenden, ein Hybrid aus faktengestützten und fiktiven Erzählungen. Es ist ja eine Tatsache, dass die DFG Gleichstellungs- und Diversitätsmaßnahmen verlangt. Es ist auch eine Tatsache, dass jahrzehntelang die Kolonialgeschichte in der Auseinandersetzung mit der Literatur keine Rolle gespielt hat. Ebenfalls ist es eine Tatsache, dass der Bologna-Prozess die Universität in einem breiten Maße ökonomisiert.

          Aus diesen offensichtlichen Tatsachen werden aber programmatisch Streitsachen. Es wird beispielsweise behauptet, die Validität der Gleichstellungs- und Diversitätsmaßnahmen sei nun allein ausschlaggebend für die Bewilligung von Anträgen. Andererseits wird das Argument vorgetragen, dass die Ignoranz gegenüber Figuren des Fremden und des Anderen eine unrühmliche Fortsetzung der Gewaltgeschichte des Kolonialismus sei. Der Bologna-Prozess erscheint manchen Professoren dann als bildungspolitische Konspiration, in der die Turmbewohner der OECD in Paris die Rolle der Turmgesellschaft aus Goethes Wilhelm-Meister-Romanen übernehmen: Steuernd und regulierend verkaufen sie ihren Zöglingen aus Bildungs- und Wissenschaftspolitik die Steuerung über Kompetenzen und Managementfiktionen. Die Illusion, die sie vermitteln, ist die der Freiheit, sich als Organisation, mit Goethe gesprochen, „so auszubilden, wie man ist“.

          Die Vermischung von Faktischem und Fiktivem macht das Gespräch im öffentlichen Raum, den alle teilen, so schwer. Denn die Erkenntnisgewinnung der Gegenöffentlichkeit läuft über das Anekdotische, welches die „Gegengeschichte“ (Nicola Gess) allererst erzählbar macht. Medien dieser Gegengeschichte sind Fallerzählungen, die etwas dokumentieren sollen, das von vornher­ein schon immer klar gewesen ist.

          Fallgeschichten haben eine eigentümliche Dynamik. In ihnen offenbart sich die „Sehnsucht nach einer Alternativerzählung“ (Butter), zum Beispiel einer Alternative zum Selbstbild der Universitäten, sie seien Orte der Meinungs-, Lehr- und der Wissenschaftsfreiheit. Dabei wird häufig von beiden Seiten durch die erzählerische Grundtechnik der „Dekontextualisierung und Komplexitätsreduktion“ (Gess) eine Scheinevidenz erzeugt. Normale Ereignisse wie heftige Widerrede, aber auch Versuche, Veranstaltungen zu sprengen oder deren Durchführung zu erschweren, sind Ereignisse, die jeder kennt, der sich im öffentlichen Raum bewegt und dort seine Meinung kundtut. Fatal ist, wenn beide Seiten einer Kontroverse aus dekontextualisierten Äußerungen über Sachverhalte der wissenschaftlichen Diskussion eine Streitsache machen, die mit der Sache, über die man eigentlich streiten sollte, nichts mehr zu tun hat. Hier erst beginnt dann die „Cancel culture“, die keine Kultur ist, sondern deren Gegenteil.

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